https://www.faz.net/-gqz-7p5wp

Anne Frank auf der Bühne : Das Mädchen, das gegen den Tod schrieb

  • -Aktualisiert am

Sie schrieb sich erwachsen: Rosa Da Silva als Anne Frank in Leon de Winters und Jessica Durlachers „Anne“, uraufgeführt in Amsterdam Bild: Kurt van der Elst

Die Nazis haben Anne Frank umgebracht. Jetzt hat man ihr in Amsterdam ein eigenes Theater gebaut und aus ihrem weltberühmten Tagebuch ein Stück gemacht: „Anne“ ist ein Ereignis.

          4 Min.

          Der Eiffelturm, die Seine, ein Café in Montmartre – hier beginnt auf dem Theater die Geschichte der Anne Frank. Nie ist das Mädchen, das von 1942 bis 1944 ihr Tagebuch im Hinterhaus-Versteck an einer Amsterdamer Gracht schrieb, bis Paris gekommen. Aber sie hat davon geträumt, und mit einem gnädigeren Schicksal hätte das Mädchen Anne in der Tat im Paris der Existentialisten Literatur studieren und sich dort in einen Landsmann verlieben können. Aber jeder der tausend Zuschauer im nagelneuen High-Tech-Bühnenbau im Westhafen von Amsterdam weiß das: Es ist alles Theater.

          Die gelebte Wirklichkeit bricht dann mit Wucht herein in diesen Traum von einem ganz normalen Leben: Wochenschaubilder von Wehrmachtsparaden in den Niederlanden, die schneidenden Stimmen von Hitler und Goebbels, und dann erscheint sehr originalgetreu die kleine Etagenwohnung der Frankfurter Familie Frank, deren kleinem Glück im Exil die Nazis ein brutales Ende machen sollten.

          Im Jahr 1955 hatte Annes Vater Otto, der einzige Überlebende der Versteckten im Hinterhaus an der Prinsengracht, eine Bühnenversion des damals bereits weltberühmten Tagebuchs freigegeben, die dann in einen Hollywoodfilm mündete. Es gab inzwischen weitere Dramatisierungen, doch nach einem halben Jahrhundert hat die Anne-Frank-Stiftung den wundersam weisen, optimistischen und doch so verzweifelten Tagebuchtext erstmals wieder fürs Theater bearbeiten lassen und die Originaltexte zugrundegelegt. Der Grund für die Neuversion zweier Niederländer und Abkömmlingen von Shoah-Überlebenden, Jessica Durlacher und Leon de Winter, liegt auf der Hand: Im Zeitalter von Internet und Twitter werden zwangsläufig immer weniger junge Menschen das Jahrhundertschicksal der Anne Frank in Buchform kennenlernen.

          Die Familie als Schicksalsverband
          Die Familie als Schicksalsverband : Bild: Kurt van der Elst

          Mit herkömmlichem Theater, mit ein paar Schränken und Feldbetten würde die Szenerie jedoch ärmlich und verkehrt herüberkommen. Die multimedialen Mittel dieses Neubaus mit halbrunder Screenbühne und einem genau abgestimmten Mix aus hyperrealistisch nachgebauter Szenerie, gefilmten Zeitdokumenten, Fotos und der geisterhaft aus dem Nichts überblendeten Mädchenschrift, die gegen den eigenen Tod anbuchstabiert, zieht das Publikum förmlich in dieses Schicksal herein.

          Jessica Durlacher hat erzählt, dass ihr Vater Gerhard nach seinen grauenhaften Jahren im KZ der Tochter die Lektüre des Tagebuchs verbot – obgleich die Erzählung beim Abtransport durch die Schergen mit dem Wiener SS-Mann Silberbauer an der Spitze, abbricht und noch nichts von Ausschwitz weiß. Doch gerade der Abgrund zwischen den unfassbar weisen und dann wieder backfischhaft spleenigen Ideen dieser Heranwachsenden und dem Leserwissen um ihren qualvollen Tod in Bergen-Belsen macht dies helle Tagebuch erst zum ganz dunklen Drama.

          Die achtsame und nie gehetzte Inszenierung von Theu Boermans gibt das herkömmliche Schauspielertheater trotz aller Videotricks niemals auf, im Gegenteil: Gerade durch die Einbettung in Film und Ton und die zuweilen leicht kitschige Filmmusik steht Rosa Da Silva mit ihrem frühreifen, kecken und dann doch wieder melancholischen Kindskopf vollkommen im Mittelpunkt. Da Silva verkörpert nicht nur dank ihrer zierlichen Statur und ihres schwarzen Schopfs einen Kernsatz des Stücks: „Sie schrieb sich mit dem Buch erwachsen.“

          Irgendwann hat man sich, mitgerissen von Anne und ihrem nie abreißenden Dialog mit dem fiktiven Pariser Studentenschwarm, vollkommen eingelebt im Hausquerschnitt des Verstecks, in dem am Ende acht Juden auf ein Überleben mitten unter den Menschenjägern hofften – als wäre so eine rattenhaft demütigende Existenz mit allen Körperausdünstungen, mit dem Lagerkoller, mit der kleinen Verliebtheit der pubertierenden Anne, mit den Depressionen der Alten und der Todesangst aller ein ganz normales Dasein.

          Die fürs Leben und Sterben Gezeichnete: Rosa Da Silva als Titelheldin
          Die fürs Leben und Sterben Gezeichnete: Rosa Da Silva als Titelheldin : Bild: Kurt van der Elst

          Diese Überzeugungskraft, diese fassbare menschliche Würde inmitten des Mordens ist auch dem restlichen Ensemble zu verdanken, allen voran dem einfühlsamen Erzieher Otto Frank, eindrucksvoll zurückhaltend gespielt von Paul R. Kooij. Seine penible Planung der Flucht ins Versteck, die Hilfe des Ehepaars Gies von außen, und auch nicht die Vorsicht der Mitbewohner konnte all diese Menschen retten. Dass sie wohl von niederländischen Mitarbeitern von Franks alter Firma verraten wurden, bleibt im Stück unerwähnt. Doch nicht, dass damals Amsterdamer für ein paar Gulden Kopfgeld ihre Nachbarn dem Tod, dem Meister aus Deutschland, auslieferten.

          Dafür haben De Winter und Durlacher aus dem Tagebuch nicht nur zahlreiche philosophische und humanistische Aperçus klug in Annes gesprochene Binnenmonologe hereingeschnitten. Sie arbeiten auch die bühnenreifen Minidramen im Hinterhaus genial heraus. Etwa wenn die Schicksalsgemeinschaft am Mittagstisch sinnlos und derb über Annes mangelnden Appetit auf Dosengemüse in einen Endlosschleifenstreit gerät, denkt man bei den Dialogen zwischen Annes Mutter Edith und der geizigen Hysterikerin Auguste van Pels an den bösen Komödienstadel von Thomas Bernhard. Und wenn die Insassen dieser Zwangseinlieferung auf engem Raum im Schummerlicht Vokabeln lernen, Gymnastik betreiben, vor sich hin beten und sich hilflos betatschen, dann schaut aus dieser Choreographie das absurde Theater hervor, das gerade damals in Paris ein paar weise dramatische Therapeuten entwickelten.

          Adäquat für das angepeilte Publikum heranwachsender Generationen auch, dass die Bearbeiter Annes pubertären Konflikt mit der freud- und lieblosen Mutter, die Barbara Pouwels mit einem bewusst unerträglich deutschen Akzent ausstattet, ebenso wenig ausspart wie die prüde Furcht der Versteckten vor den keimenden Hormonen der beiden Jüngsten, Anne und Peter, die sich hier die ersten und letzten Zärtlichkeiten ihres Lebens besorgen.

          Mit diesem Riesenaufwand des Theaterbaus und dem Schwung eines Ensembles von über zwanzig Akteuren setzen die Produzenten auf die Botschaft des abgegriffenen und nur zufällig geretteten Tagebuchs. Vom Sommer an gibt es diese szenische Botschaft dann in etlichen Sprachen auf Headset für das angepeilte Dauerpublikum. Und im stehenden Schlussapplaus von König und niederländischer Medienelite warf der greise Buddy Elias Kusshändchen ins Ensemble. Man muss es sich vorstellen: Anne Frank war die jüngere Cousine dieses Mannes, der in der Schweiz vom Rassenwahn verschont blieb und lange als Clown in Eis-Revuen sein Brot verdiente.

          Es gibt also viele Gründe, warum man nicht nur Jugendlichen Annes Innenschau ihrer herrlichsten und zugleich grauenvollen Zeit in der Bühnenversion ans Herz legen muss. Dazu gehören ihre Aufrufe zur Menschlichkeit, die nie abreißende Hoffnung, und die Reinheit der Gedanken eines Mädchens, das dafür getötet wurde, niemals jemandem etwas Böses getan zu haben. Über allem aber ist dieses Stück auch ein erhabenes Plädoyer für so antiquierte Kulturtechniken wie Buchstaben und Papier. Denn „Anne“ handelt vom Schreiben gegen den Tod.

          Am heiklen Ende des Stücks träumt sich in der Todesheidelandschaft von Belsen die ausgezehrte Anne in die Zukunft. Über öde Gleise schreitet sie aus dem Horizont unserer Wahrnehmung heraus. Und im Scheinwerferlicht zurück bleibt ganz winzig und platt dieses kleine, halb zerrissene Manuskript, das erzählt von Hass und Angst und Mord, vor allem aber von Millionen nicht gelebten Leben. Was sind dagegen schon ein paar Blätter beschriebenes Papier? Unendlich wenig. Unendlich viel.

          Weitere Themen

          Annes Familie

          Jüdisches Museum Frankfurt : Annes Familie

          Bildung war wichtig, aber bei den Franks wurde auch gespielt und Karneval gefeiert. Eine einmalige Sammlung von Alltagsgegenständen im Jüdischen Museum Frankfurt zeigt, wie die Frankfurter Familie gelebt hat.

          Topmeldungen

          Corona-Absperrungen und Wegweiser im Tübinger Luise-Wetzel-Stift.

          Ärzte gegen Wissenschaftler : Was ist die richtige Waffe gegen das Virus?

          Ärzteverbände stellen sich gegen die Forderung der Wissenschaft nach harten Maßnahmen. Die Infektionszahlen dürften nicht um jeden Preis gesenkt werden. Hinter den gegensätzlichen Positionen stehen auch wirtschaftliche Interessen.

          Fast alle Medien gegen Trump : Amerikas Presse wählt blau

          Die meisten amerikanischen Zeitungen empfehlen ihren Lesern, wen sie zum Präsidenten wählen sollen. Das Votum fällt eindeutig aus. Ein „Gegengift“ zu Donald Trumps Charakterzügen wird empfohlen.

          Eröffnung des Flughafens : Der Mann, der den BER vollendet

          Nicht zu fassen: Berlins neuer Flughafen ist tatsächlich fertig – mit jahrelanger Verspätung. Der Chef der Flughafengesellschaft FBB verzichtet auf große Töne. Ein Porträt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.