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Anne Frank auf der Bühne : Das Mädchen, das gegen den Tod schrieb

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Die fürs Leben und Sterben Gezeichnete: Rosa Da Silva als Titelheldin
Die fürs Leben und Sterben Gezeichnete: Rosa Da Silva als Titelheldin : Bild: Kurt van der Elst

Diese Überzeugungskraft, diese fassbare menschliche Würde inmitten des Mordens ist auch dem restlichen Ensemble zu verdanken, allen voran dem einfühlsamen Erzieher Otto Frank, eindrucksvoll zurückhaltend gespielt von Paul R. Kooij. Seine penible Planung der Flucht ins Versteck, die Hilfe des Ehepaars Gies von außen, und auch nicht die Vorsicht der Mitbewohner konnte all diese Menschen retten. Dass sie wohl von niederländischen Mitarbeitern von Franks alter Firma verraten wurden, bleibt im Stück unerwähnt. Doch nicht, dass damals Amsterdamer für ein paar Gulden Kopfgeld ihre Nachbarn dem Tod, dem Meister aus Deutschland, auslieferten.

Dafür haben De Winter und Durlacher aus dem Tagebuch nicht nur zahlreiche philosophische und humanistische Aperçus klug in Annes gesprochene Binnenmonologe hereingeschnitten. Sie arbeiten auch die bühnenreifen Minidramen im Hinterhaus genial heraus. Etwa wenn die Schicksalsgemeinschaft am Mittagstisch sinnlos und derb über Annes mangelnden Appetit auf Dosengemüse in einen Endlosschleifenstreit gerät, denkt man bei den Dialogen zwischen Annes Mutter Edith und der geizigen Hysterikerin Auguste van Pels an den bösen Komödienstadel von Thomas Bernhard. Und wenn die Insassen dieser Zwangseinlieferung auf engem Raum im Schummerlicht Vokabeln lernen, Gymnastik betreiben, vor sich hin beten und sich hilflos betatschen, dann schaut aus dieser Choreographie das absurde Theater hervor, das gerade damals in Paris ein paar weise dramatische Therapeuten entwickelten.

Adäquat für das angepeilte Publikum heranwachsender Generationen auch, dass die Bearbeiter Annes pubertären Konflikt mit der freud- und lieblosen Mutter, die Barbara Pouwels mit einem bewusst unerträglich deutschen Akzent ausstattet, ebenso wenig ausspart wie die prüde Furcht der Versteckten vor den keimenden Hormonen der beiden Jüngsten, Anne und Peter, die sich hier die ersten und letzten Zärtlichkeiten ihres Lebens besorgen.

Mit diesem Riesenaufwand des Theaterbaus und dem Schwung eines Ensembles von über zwanzig Akteuren setzen die Produzenten auf die Botschaft des abgegriffenen und nur zufällig geretteten Tagebuchs. Vom Sommer an gibt es diese szenische Botschaft dann in etlichen Sprachen auf Headset für das angepeilte Dauerpublikum. Und im stehenden Schlussapplaus von König und niederländischer Medienelite warf der greise Buddy Elias Kusshändchen ins Ensemble. Man muss es sich vorstellen: Anne Frank war die jüngere Cousine dieses Mannes, der in der Schweiz vom Rassenwahn verschont blieb und lange als Clown in Eis-Revuen sein Brot verdiente.

Es gibt also viele Gründe, warum man nicht nur Jugendlichen Annes Innenschau ihrer herrlichsten und zugleich grauenvollen Zeit in der Bühnenversion ans Herz legen muss. Dazu gehören ihre Aufrufe zur Menschlichkeit, die nie abreißende Hoffnung, und die Reinheit der Gedanken eines Mädchens, das dafür getötet wurde, niemals jemandem etwas Böses getan zu haben. Über allem aber ist dieses Stück auch ein erhabenes Plädoyer für so antiquierte Kulturtechniken wie Buchstaben und Papier. Denn „Anne“ handelt vom Schreiben gegen den Tod.

Am heiklen Ende des Stücks träumt sich in der Todesheidelandschaft von Belsen die ausgezehrte Anne in die Zukunft. Über öde Gleise schreitet sie aus dem Horizont unserer Wahrnehmung heraus. Und im Scheinwerferlicht zurück bleibt ganz winzig und platt dieses kleine, halb zerrissene Manuskript, das erzählt von Hass und Angst und Mord, vor allem aber von Millionen nicht gelebten Leben. Was sind dagegen schon ein paar Blätter beschriebenes Papier? Unendlich wenig. Unendlich viel.

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