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Tourauftakt von „Genesis“ : Das Lamm wird Alphatier

  • -Aktualisiert am

Weltendirigent Phil Collins lässt die Zuschauer minutenlang jubeln Bild: ddp

Vierzigtausend bejahrte Getreue waren beim Tourneeauftakt von „Genesis“ in der Hamburger „AOL-Arena“ und hörten den Omega-Rentnern zu, die ihre epische Aura rekonstruieren wollten. Doch nicht Verjüngung, sondern gelungene Selbsttherapie war das Ergebnis.

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          Weil im Anfang immer das Wort ist, sei zum Einstieg ein ernstes gestattet: Ihr irret, meine Freunde. Kehret um! Das Corpus neglectus: Eine zweite Freikarte für den deutschen Tourauftakt der auferstandenen Formation „Genesis“ - dermaßen freigebig sind Veranstalter nicht immer. Doch, so wortreich auch zu Markte getragen, reihum war im Freundeskreis nichts zu ernten als Heiterkeit: „Genesis“? Bedaure, wirklich nicht. Als hätte man zum Ball im Seniorenheim gebeten.

          So stehe ich schließlich alleine in der Hamburger „AOL Arena“; freilich nicht ganz alleine, vierzigtausend bejahrte Getreue fanden sich dann doch ein. Wo kommt dieser Dünkel her? Es muss mit Häresieverdacht zu tun haben. Anders sähe es wohl aus, wären alle „Genesis“-Protagonisten gleich Erzengel Peter Gabriel im Äther verblieben. Doch sie haben das Jenseits verleugnet und sind hinabgestürzt: eine vergoldete Bauchlandung in der Matschpfütze des Mainstream-Pop.

          Verstärkung für die drei Senioren

          Angelastet wird der Sündenfall in der Regel dem nach Gabriels Ausstieg vom Schlagzeuger zum Frontsänger avancierten und 1996 ausgestiegenen Phil Collins, der sich vom Klassenfahrtbeschaller zu einem der meistgehassten Männer in der Siebziger-Generation entwickelt hat. Als Bret Easton Ellis „Genesis“ die „beste, begeisterndste Band“ nannte, „die das England der Achtziger zu bieten hat“, bezog er sich zwar ausdrücklich auf die Phase der „1-A-Popsongs“, statt auf jene der „komplexen, verquasten Weltuntergangsphantasien“. Doch das ist mitnichten ein Gegenargument, hat er diese Sicht doch dem „American Psycho“ Patrick Bateman in den Mund gelegt.

          Mike Rutherford vom Lichtdesigner Patrick Woodroffe in Szene gesetzt
          Mike Rutherford vom Lichtdesigner Patrick Woodroffe in Szene gesetzt : Bild: ddp

          Den Verächtern entging damit eine Sensation: die geradezu barfüßige Purifikation einer Band, die schließlich nicht nur ohrwurmstichig nicht tanzen kann („I Can't Dance“) oder gequält nach der Mama ruft („Mama“), sondern vor Äonen von Jahren etwas Gewaltiges geleistet hat, indem sie die Unterhaltungsmusik der Kalkulierbarkeit entriss.

          Wie vielleicht nur noch „Pink Floyd“ hat „Genesis“ einst Poprocksongs eine Tiefe verliehen, die sie erst zu autonomen Gebilden machte. Genesis bestand im Kern nach 1978 aus Phil Collins, Bassist Mike Rutherford und Keyboarder Tony Banks, auf der jetzigen „Turn It On Again“-Tour werden die drei Senioren verstärkt durch die ehemaligen Mitglieder Chester Thompson am Schlagzeug sowie Daryl Stuermer an der Gitarre.

          „Komplexere Art von Musik“

          Niemand weiß besser um die Dialektik der Gefälligkeit als sie. Als vor einem halben Jahr in London die Wiedervereinigung verkündet wurde, machte das Trio deutlich, dass es bei dieser Sonder-Tour um die Regelung des Nachruhms geht, um eine fundamentale Richtigstellung: Freilich habe man Gelegenheitslyrik verfasst, doch erinnert sein will man als Epiker. Einige Hits kämen wohl zu Gehör, dem Publikum zuliebe.

          Vor allem solle bewiesen werden, so Tony Banks, dass „Genesis“ für eine „komplexere Art von Musik“ stehe. Ursprünglich intendiert war sogar die Aufführung des monumentalen Werks „The Lamb Lies Down On Broadway“, mit dem am Ende der Peter-Gabriel-Ära der internationale Durchbruch gelang. Doch Gabriel zog nicht mit, was insbesondere Collins bedauert haben soll.

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