https://www.faz.net/-gqz-9r3zl

„Klangspuren“-Festival Schwaz : Auf dem Schwirrholzweg zur Transzendenz

  • -Aktualisiert am

Bei dem Festival für zeitgenössische Musik „Klangspuren“ in Schwaz Bild: Klangspuren

Bei den „Klangspuren“ in Schwaz begeistert sich das Land Tirol in großartiger Weise für Neue Musik. Unter dem Motto „Risse“ entsteht ein Ort, an dem die Teilnehmer einbezogen werden.

          3 Min.

          „Risse“ lautet in diesem Jahr das Motto des traditionsreichen Neue-Musik-Festivals in Schwaz in Tirol, und damit niemand auf den dummen Gedanken käme, es hätte etwas mit der Riss-Eiszeit vor dreihunderttausend Jahren zu tun, erklärte der neue Festivalleiter Reinhard Kager nun in seiner kurzen Eröffnungsrede dem Publikum die neue Weltlage.

          Der Riss, so seine Bestandsaufnahme, geht mitten durch die Umwelt und die Gesellschaft, der Globus steht kurz vor dem Hitzekollaps, und an allem, vom brasilianischen Urwald über das Elend in der Dritten Welt bis zur AfD, ist nur einer schuld: der „Moloch Kapitalismus“. Gretas Panik schwappte mit der Wucht eines Tsunamis nach Tirol. Als Illustration dazu hatte es im Vorprogramm eine Klanginstallation gegeben, in der zum üblichen Computerrauschen Zinsentwicklungen und Börsenindexe auf Folien projiziert wurden.

          Von solchen Weltuntergangsszenarien ließen sich die Verantwortlichen in den Kulturämtern Schwaz und Innsbruck nicht anstecken. Mit einer für Neue Musik nicht mehr selbstverständlichen Bereitschaft, ja mit Begeisterung stellten sie sich in ihren Grußworten zur Eröffnung hinter das florierende Festival, das nun offenbar den Rang eines landesoffiziellen Kulturevents erhält. Schon in diesem Jahr finden etliche Konzerte im neuen, architektonisch und – mit Ausnahme der Lüftungsgeräusche – funktional hervorragend gelungenen „Haus der Musik“ in Innsbruck statt.

          Eine klingende Exegese des Johannesworts

          Keine Apokalypse ohne einen Hoffnungsschimmer: Diese Rolle fällt heute laut Programmheft der Musik zu, die vielleicht eine Wandlung des Denkens bewirken und das Zerrissene wieder zusammenfügen könnte. Das Eröffnungskonzert mit dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck unter der Leitung von Lothar Zagrosek sollte dazu den Beleg liefern.

          Drei der vier Werke waren schon älteren Datums: Luigi Nonos „Canti di vita e d’amore“, ein Musterbeispiel für das utopisch-politische Denken der frühen sechziger Jahre, dessen exponiertes Vokalsolo im Mittelstück von Anu Komsi mit berückender Ruhe vortrug, Olga Neuwirths etwas unschlüssig wirkende Komposition „anaptyxis“ von 2000 sowie das 2012 vollendete Orchesterstück „void – kol ischa asirit“, in dem Claus-Steffen Mahnkopf aus den tödlichen Abzählritualen in Auschwitz den Honig für eine keimfreie, blitzblank herausgeputzte Großform saugt.

          Mark Andre, der Komponist, der seine Musik ausdrücklich als religiös verstanden wissen will

          Der Blick in die Vergangenheit war gerade beim selten zu hörenden Werk von Nono aufschlussreich, und zugleich machte er auf die Defizite heutiger politischer Musik aufmerksam, wo die ästhetische Reflexion tendenziell zur vordergründigen Parolenbewirtschaftung verkommt. Damit richtete sich die ganze Aufmerksamkeit auf das vierte, erst zwei Jahre alte Werk des Abends, „woher ... wohin“ von Mark Andre, dem Composer in Residence des Festivals.

          Weitere Themen

          „Peter Handke hat den Preis nicht verdient“ Video-Seite öffnen

          Preisträger Stanišić : „Peter Handke hat den Preis nicht verdient“

          Mit seinem Roman „Herkunft“ hat Saša Stanišić die Jury des Deutschen Buchpreises überzeugt. In seiner Rede kritisiert er die Auszeichnung Peter Handkes mit dem Literaturnobelpreis. Andrea Diener hat ihn im Anschluss an die Verleihung getroffen.

          Topmeldungen

          Frankreichs Bildungsminister Jean-Michel Blanquer im Oktober in Paris

          Islamismus in Frankreich : Kleingruppen gegen Fundamentalismus

          Mit einer neuen Schulpolitik will Frankreich Jugendliche aus Einwandererfamilien besser fördern – und so dem Islamismus entgegenwirken. Bildungsminister Blanquer hat als Schuldirektor den wachsenden Einfluss des Fundamentalismus erlebt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.