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Festival Lockenhaus : Ein Chor, ein richtiger Chor!

  • -Aktualisiert am

Mit inniger Empfindung: Gidon Kremer, Madara Petersone, Timothy Ridout, Nicolas Altstaedt, Georgijs Osokins (von links nach rechts) in der Pfarrkirche Lockenhaus. Bild: Niklas Schnaubelt

Das Kammermusikfest Lockenhaus ist das erste bedeutende Festival, das in Österreich wieder den Betrieb aufnimmt. Gidon Kremer und Nicolas Altstaedt sorgen für Begeisterung. Und es wird endlich wieder gesungen.

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          „Zusammengeraffter, energischer, inniger habe ich noch keinen Künstler gesehen. Ich begreife recht gut, wie der gegen die Welt wunderlich stehen muss“, schreibt Johann Wolfgang von Goethe über seine Begegnung mit Ludwig van Beethoven im Sommer des Jahres 1812 im nordböhmischen Teplitz. Von diesem Zitat angeregt, hat der künstlerische Leiter des Kammermusikfests Lockenhaus, Nicolas Altstaedt, der 39.Ausgabe das Motto „... inniger ...“ vorangestellt, um dem alles bestimmenden Jubilar die Reverenz zu erweisen, aber auch der Frage nachzugehen, wie viel Innigkeit und Wachsamkeit heute in jedem von uns stecken. Bei der Programmvorstellung im Dezember konnte der deutsch-französische Cellist noch nicht ahnen, wie aktuell das Motto angesichts eines weltweiten kulturellen Stillstandes werden sollte.

          Umso erfreulicher ist es, dass das Kammermusikfest in der burgenländischen Marktgemeinde kurz vor der ungarischen Grenze als erstes größeres Festival in Österreich wieder stattfinden kann, wenngleich unter veränderten Bedingungen: Von den rund 450 Sitzplätzen der barocken Pfarrkirche dürfen nur 174 besetzt werden. Eine etwas hallige Akustik ist die Folge. Für die angereisten Musikerinnen und Musiker, die keine Gage erhalten und mit Kost und Logis entlohnt werden, ist dies unerheblich. Sie freuen sich einfach, nach vielen Wochen der Isolation zum ersten Mal wieder gemeinsam zu musizieren. Die Sehnsucht danach war offenbar so groß, dass Altstaedt das angekündigte Programm des Eröffnungskonzerts kurzfristig umstieß: Statt Bachs sechs Suiten für Violoncello solo gab es Beethovens Cellosonate D-Dur op. 102 Nr. 2, Debussys Cellosonate d-Moll und Brahms’ Klavierquartett A-Dur op. 26.

          Während Vilde Frang, Barnabás Kelemen, Katalin Kokas (alle Violine) und Alexander Lonquich (Klavier) schon seit längerem zur Lockenhauser Musikerfamilie gehören, ist der junge britische Bratschist Timothy Ridout zum ersten Mal dabei. „Es ist eine große Ehre für mich, hier sein zu dürfen. Umgeben zu sein von so vielen phantastischen Kollegen und Freunden bedeutet mir in der aktuellen Situation besonders viel. Ich genieße in jedem Moment die wunderbare Atmosphäre, das gemeinsame Musizieren und die Herzlichkeit, mit der ich hier willkommen geheißen wurde.“ Diese Freude hört man in Luciano Berios „Naturale“.

          Der Komponist persönlich hat im sizilianischen Palermo sogenannte „Abbagnate“ – typische musikalische Ausrufe von Fisch- und Obsthändlern – aufgenommen und mit avantgardistischen Percussionsklängen sowie adaptierten sizilianischen Volksliedern kombiniert, die Ridout mit großer Leidenschaft und Spielfreude mal wie Gitarrenakkorde zupft oder zu leeren Bordunsaiten fiedelt. Begleitet wird er dabei von Johannes Fischer, der nicht nur in seiner „Studie für elektrifizierten Tisch“, sondern auch in der improvisierten Livemusik zum Stummfilm „Dr. Mabuse, der Spieler“ von Fritz Lang (1922) seine kongeniale Entdeckerlust an Klängen und Geräuschen eindrucksvoll demonstriert.

          Idyll mit Gewehrschüssen

          Berios sizilianisches Idyll, das mit Marschklängen, Gewehrschüssen und Kirchenglocken am Ende den Zuhörer mit einer gewissen Verstörung zurücklässt, ist eines der wenigen Stücke, das von der ursprünglichen Planung übrig blieb. Denn in Lockenhaus ist es Konzept, kein vorab starr fixiertes Programm zu haben, sondern in lockerer Stimmung und unterschiedlichen Ad-hoc-Konstellationen je nach Laune ungewöhnliche und einzigartige Programme zu präsentieren. Wo sonst könnte man solch unterschiedliche Gattungen wie Lied, Klaviertrio, Klavier solo zu vier Händen und ein Stück für Viola, Schlagwerk und Zuspielband vereint in nur einem Konzert hören? Was letztlich gespielt wird, erfährt man erst kurz vor dem Konzert.

          Lockenhaus, das ist eben auch eine Mischung aus Entdeckungen, Experimenten, Nachwuchsförderung, Aufbau von künstlerischen Partnerschaften und lebenslangen Freundschaften. Das Festivalprogramm spannt einen großen Bogen von Leclair bis Bartók, von Copland bis Weinberg, von Schumann bis Zimmermann. Repertoireklassiker und selten gespielte Werke stehen in einem vorbildlichen Verhältnis. Nicht immer kann das hohe künstlerische Niveau durchgehalten werden. So wäre es ein Leichtes, beim frisch durchgetesteten Wiener Kammerchor unter Leitung von Michael Grohotolsky den intonatorisch fragilen Chorklang zu kritisieren. Doch zeigt das ambitionierte Programm mit Werken von Mahler, Reger, Poulenc und Schubert durchaus die künstlerische Kraft des Chores, die coronabedingt viel zu lange brach liegen musste.

          Einer der Höhepunkte war sicherlich Alfred Schnittkes Klavierquintett, das er 1972 unmittelbar nach dem Tod seiner Mutter begann und vier Jahre später vollendete. Gidon Kremer, der 1981 das Festival gründete und 2012 an Altstaedt weitergab, nahm es in sein Konzertprogramm auf. Kerngedanke des Werks ist die Umkreisung des Tones cis in Halb- und Vierteltönen. Je mehr die Streicher versuchen, sich anzunähern und in einem Gleichklang zu enden, desto intensiver werden die Dissonanz und der tiefgreifende Schmerz. Das unbarmherzige Pochen der Zeit im Klavier verwandelt sich im letzten Satz in eine Spieluhrmelodie, deren Des-Dur-Tonart die Streicher schließlich versöhnlich in einem sanften Akkord erreichen. So zeigen Kremer und seine Musikerfreunde en miniature, was das Kammermusikfest Lockenhaus zu bieten hat: Augenblicke wahrer, inniger Empfindung.

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