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Jacques Offenbach : Respekt für einen Respektlosen?

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Wer bei „Orpheus in der Unterwelt“ nicht lachen kann, sitzt im falschen Stück: Barrie Kosky inszenierte Offenbach bei den Salzburger Festspielen 2019. Beim legendären Can-Can ehrt Kosky die Tradition, indem er Tänzerinnen die Röcke hochwerfen lässt. Und unterläuft sie zugleich subversiv, denn die Hälfte davon sind Männer (wie es angeblich auch bei der Pariser Uraufführung der Fall war). Bild: SF/Monika Rittershaus

Er steht wie kaum jemand für das Leichte, die Operette, den schönen Schein – aber werden wir Jacques Offenbach damit gerecht? Eine unvollständige Bilanz des ausgehenden Jubiläumsjahres.

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          Das fängt doch schon mal gut an: „Wenn Sie in Sachen Offenbach unterwegs sind, treffen Sie fast nur Leute mit guter Laune, locker und ironiefähig. Kein Platzhirschgehabe, keine Bedeutungshuberei.“ – Frank Harders-Wuthenow wirkt in seinem Berliner Büro des Musikverlags Boosey & Hawkes geradezu enthusiastisch, aber andererseits: Wer sollte es besser wissen als er, der hier die OEK – in Langform: Offenbach Edition Keck – betreut und koordiniert? Die ist seit nunmehr zwanzig Jahren eines der wichtigsten Langzeit-Unternehmen des Musikverlags und stand im zu Ende gehenden 200. Geburtsjahr des Komponisten noch mehr als sonst im Fokus der musikinteressierten Öffentlichkeit. Ihr realer Effekt dürfte immerhin eine satt sechsstellige Zahl von Konzert- und Opernbesuchern erreicht haben: Bis Anfang Dezember verzeichnete der Verlag mit dem von ihm betreuten Material 512 Offenbach-Aufführungen zwischen Dublin, dem sizilianischen Trapani und Brno in Mähren, davon 284 bühnengebundene.

          Beeindruckend? Ins Nüchterne übersetzt heißt das: Knapp zweimal täglich gab’s irgendwo Offenbach. Was schon etwas weniger mitreißend klingt – der Musikheros des kommenden Jahres, Ludwig van Beethoven, mag da ohne besondere Probleme auf das mindestens Zehnfache kommen. Es ist also Skepsis angebracht, auch wenn das Gesamtbild der Ergänzung bedarf. So gehören „Hoffmanns Erzählungen“, nach wie vor die Nummer eins unter Offenbachs Musiktheaterstücken, nicht ins Portefeuille von Boosey &Hawkes, und ohnehin ist der „Mozart der Champs-Elysées“ (das schöne Kompliment kommt vom älteren Kollegen Rossini) ein – im Urheberrechts-Deutsch gesprochen – „freier“ Komponist. Wenn sich also irgendwo in einem Opernhaus-Keller ein vor Jahrzehnten abgelegtes altes Notenmaterial wiederfindet, auf dessen Titelseite „Offenbach“ steht, darf man es umstandslos verwenden; und weil solche Möglichkeiten im immerwährenden Intendanten-Seelenstreit zwischen Spitzenqualität und angesagter Sparsamkeit durchaus genutzt werden, sind die oben genannten Zahlen sicher noch aufrundbar. Dennoch, abseits alles Ökonomischen: Kann das genug sein bei einem Komponisten, der wie kaum ein anderer zwischen leichtfüßigem Esprit und lyrischer Innigkeit, hintersinnigem Schabernack und tiefer Empathie zu vermitteln wusste?

          Sehenden Auges in die Apokalypse

          Der Verdacht drängt sich auf, dass Offenbach momentan gerade zum – übrigens nicht einzigen – Opfer eines in sich selbst verbissenen Sendungsbewusstseins wird, dass aus den Herausforderungen der aktuellen Entwicklung, vermischt und verrührt im dröhnenden, zappelnden Sound der neuen Medien, die Schlussfolgerung zieht, dass gesellschaftliche Kommunikation, auch die ästhetische, nur noch im bitterernst angespannten Ton des Austauschs letzter Weisheiten stattzufinden habe. Wo die Menschheit, so lautet dessen unausgesprochene, aber tiefenwirksame Erzählung, sehenden Auges in ihre Apokalypse hineinmarschiert, hilft nur noch Pathos im Greta-Thunberg-Format, während Hedonismus, Ironie oder auch nur eine schlicht vor sich hinwiehernde Fröhlichkeit ausgedient haben.

          Solch einer Geisteshaltung ist mit Wagner oder Mahler gewiss besser gedient als durch den gewitzten Kölner Kantorenspross, der, unter solchem Fokus betrachtet, schnell in die gehobene Schmuddelecke des allenfalls falsch Rührseligen oder unproduktiv-flüchtig Berauschenden abgeschoben wird. Was nicht nur schade, sondern auch falsch ist, denn er könnte uns manches beibringen – zum Beispiel Toleranz. Frank Harders-Wuthenow, zwei Jahrzehnte intensiver Offenbach-Erfahrung im Gepäck, drückt es so aus: „Wenn der heute gängige Operetten-Begriff immer den schönen Schein, das Zukleistern und Verdrängen des Fragwürdigen einschließt, dann muss man erst einmal sagen, dass Offenbach gerade das nicht gewollt hat. Bei ihm soll nichts vergessen, sondern kritisch ausgeleuchtet werden. Aber das macht er nicht verletzend, sondern liebevoll. Er war oft respektlos, aber er stellt dabei niemanden bloß, und noch seine schrägsten Charaktere sind so angelegt, dass wir darin auch Stücke von uns selbst wiederfinden – und sie also verstehen – können.“

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