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Theaterfestival in Frankfurt : Horizont in Trümmern

Tieftraurig: Ali Eyal. Bild: Christian Schuller

Umgeben von Geistern der Erinnerung: Das Frankfurter Festival „This is not Libanon“ bietet der gefährdeten Theaterszene Beiruts eine Heimstatt.

          2 Min.

          Ein Donnerhall erklingt über der libanesischen Hauptstadt Beirut. Düsenjets formen weiße Linien am Firmament. Drohnen schweben über belebte Viertel und Raketen erhellen die Nacht über dem Mittelmeer. Es sind Flugobjekte aus dem benachbarten Israel, aus Syrien, dem Iran oder sogar Frankreich, die in den Luftraum des Libanons eindringen. Die Beweggründe dafür sind unterschiedlich, doch der Lärm bleibt stets gleich. Jedes dieser Flugereignisse hat der Künstler Lawrence Abu Hamdan für seine Performance „Air Preassure: A Diary of the Sky“ über ein Jahr lang gefilmt.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Im Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt, wo das Festival „This is not Libanon“ der Beiruter Theaterszene im Moment eine Bühne bekommt, hat er seine filmischen Rechercheergebnisse vorgestellt. Nachdem die ersten Minuten des Films Düsenjäger und Drohnen zeigen, betritt er die Bühne und liest Zahlen zu Grenzübertritten im Luftraum vor – „120 waren es am 1. Mai 2020, 72 am 2. Februar 2021, 151 am 6. Januar 2021“. 800 davon hat er selbst mit der Kamera begleitet.

          Anschließend hält er einen Vortrag, über das Rauschen der Flugkörper, die psychologische Kriegsführung und die Geheimnistuerei der libanesischen Regierung. Hamdan, der sich selbst als „private ear“ bezeichnet , kritisiert in seiner Kunst seit Jahren die libanesische Politik. Die illegalen Flugbewegungen verarbeitet er in einem eindringlichen Manifest - „Der Fluglärm zersetzt die Moral der Bevölkerung schneller, als jede abgeworfene Bombe es tut“. Jeden Tag übermittelt das libanesische Verteidigungsministerium die Anzahl von eingedrungenen Fremdflugkörpern an die Vereinten Nationen. Hamdan unterbricht seine Ausführungen wieder mit den Zahlen – „2. Juni 2020. 191 illegale Flugbewegungen, davon 38 Kampfjets. 703 Minuten Fluglärm, 225 Millionen Dezibel über der Stadt“.

          Intime Ein-Mann-Performance

          Er nennt den Lärmterror „atmosphärische Gewalt“ und sieht ihn als Symbol für den Zusammenbruch des Libanons, gesteigert durch das Rauschen der Dieselgeneratoren, die die Stromausfälle in Beirut ausgleichen. Benzin ist in Beirut rationiert, die Währung ist nichts mehr wert, pro Tag gibt es circa zwei Stunden lang Strom. „Der Staat ist sowohl auf der Straße, als auch im Himmel kollabiert“, sagt der Künstler.

          Lawrence Abu Hamdan, „Air Pressure: A Diary Of The Sky“: Reflexionen über die Region und was dort geschieht.
          Lawrence Abu Hamdan, „Air Pressure: A Diary Of The Sky“: Reflexionen über die Region und was dort geschieht. : Bild: Lawrence Abu Hamdan

          Direkt neben dem Hafen, den vor mehr als einem Jahr die Explosion vernichtete, liegen die Szeneviertel Karantina und Mar Mikhael, wo viele Theater ihre Heimat hatten. Fast alle wurden zerstört. So auf sich alleingestellt wie im Moment, sei der Kulturbetrieb dort nie gewesen, sagt Matthias Lilienthal, der Kurator des Festivals. Auch deswegen sollen die Performances, Videoinstallationen und Diskussionen in Frankfurt die Szene unterstützen. Im Oktober soll das Programm auch in Beirut aufgeführt werden.

          Als zweites Eröffnungsstück wurde eine intime Ein-Mann-Performance von Ali Eyal ausgewählt, der sich in seinem Monolog mit den Wurzeln der eigenen Familie auseinandersetzt. Gebückt sitzt er auf einem kargen Holzstuhl, inmitten eines Wohnzimmers mit schwerem Stoffsofa und einem Wandgemälde. Nur ein sanftes Licht scheint auf ihn, während er die Brieftexte seines Onkels vorliest und die Geschichte seines im Krieg verstorbenen Zwillingsbruders erzählt – „Ich bin so melancholisch, dass es gar keine richtige Melancholie mehr ist“, ­flüstert er leise. Plötzlich wechselt der Raum, nun sitzt er vor einer Federzeichnung und träumt von den Sommern seiner Jugend, im hohen Gras, auf den Feldern, in einem Land wo kein Krieg herrschte. Seine Sätze, die er auf Arabisch vorträgt, klingen tieftraurig – „Der Fuchs hat einen Ort zum Schlafen – ich habe den nicht“.

          This is not Libanon, Mousonturm Frankfurt, bis 12. September 2021

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