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Wien Modern : Beklemmender Stillstand in kreisender Bewegung

  • -Aktualisiert am

Ligia Lewis (Performance) und das Ensemble Nikel. Bild: Maximilian Pramatarov

Mit Werken von Georg Friedrich Haas, Olga Neuwirth und Helmut Lachenmann stellt sich das Festival Wien Modern der Komplexität Neuer Musik.

          4 Min.

          Es ist eine Binsenweisheit, dass die Welt zu komplex wurde, um sie als Einzelner noch durchschauen zu können. Nicht einmal interdisziplinäre Forschungsgruppen aus Soziologen, Politikwissenschaftlern, Ökonomen, Klima- oder Genforschern können schlüssige Prognosen abgeben, wohin die Evolution zielt. Das macht vielen Menschen Angst. So lässt sich wohl erklären, warum populistische Hassprediger großen Zulauf erhalten, obwohl ihre simplifizierenden Weltsichten meist aus ideologischen Absichten gespeist sind. Solch billigen Schwarz-Weiß-Deutungen setzt Neue Musik seit Langem zunehmend dichter werdende Strukturen entgegen. Im Einklang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen erkundet sie neue, unbekannte Klangmöglichkeiten, die oft sogar auf mathematischen Berechnungen basieren.

          Das will nicht heißen, dass die Hörer etwa der Musik von Georg Friedrich Haas, deren Obertonschwebungen auf genauer Kalkulation der Cent-Verhältnisse mikrotonaler Intervalle basieren, die Kompositionen nur mit einem Taschenrechner verfolgen können. Denn Musik vermag vielschichtige Strukturen durchaus sinnlich zu vermitteln. Ihren Gehalt kann, selbst wenn Spezialisten tiefer dringen, folglich auch jeder Hörer erfassen, der seine Ohren offen hält und bereit ist zu neuen Erfahrungen.

          Wenn alles so einfach wäre

          Dafür trat Wien Modern diesmal mit sechsundneunzig Veranstaltungen in siebenundzwanzig in der Stadt verteilten Spielorten an. „Wenn alles so einfach wäre. Hundert Versuche über den guten Umgang mit Komplexität“ lautet das Motto des bis Ende November laufenden Festivals, womit Intendant Bernhard Günther wohl auch sein eigenes Wirken avisiert: Denn angesichts zweier infolge der Pandemie abgebrochener Festivaljahrgänge stieg der Komplexitätsgrad bei der Programmierung enorm. Chapeau, mit welch schlüssiger Dramaturgie dieser Jahrgang trotz aller nachzuholenden Projekte gelingt und wie gut er von dem zahlreich erschienenen und spürbar interessierten Publikum angenommen wird.

          Natürlich lassen sich hinter dem Komplexitätsmotto auch Motive der nicht realisierten Projekte von 2020 und 2021 erkennen. Wie etwa die Uraufführung von „Ceremony II“ von Georg Friedrich Haas, die unter dem Motto „Stimmung“ hätte stattfinden sollen. Denn Haas verwendet in vielen seiner Stücke Veränderungen von Instrumentenstimmungen, um die gewünschten Obertonzusammenklänge zu erzielen, oder Instrumente, die bereits über ein nichttemperiertes Stimmsystem verfügen wie jene mit einunddreißig Tönen pro Oktave (re)konstruierte Renaissance-Orgel, die bei „Ceremony II“ zum Einsatz kam.

          Neue Musik trifft Alte Gemälde

          Für diesen rund vierstündigen Konzertmarathon im Kunsthistorischen Museum konzipierte Haas je spezifische, zu den Gemälden passende Instrumentalkombinationen: Zwei Zinken spielten vor Bildern Pieter Breughels d. Ä., vor Gemälden Albrecht Dürers und Lucas Cranachs d. Ä. kam das genannte Arciorgano zum Einsatz, drei verschieden gestimmte Flügel hingegen im klassizistischen Oktogon unter der Kuppel des Museums, in der die mikrotonalen Klänge oft ohrenbetäubend emporstiegen. Drei weitere Konzertabende kreisten um den Maler Georg Baselitz.

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