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Festival „Wien Modern“ : Das vereinte Volk wird nie besiegt

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Klavierpräparation für Ingrid Schmoliners Werk „MNEEM“ im Wiener Konzerthaus 2019 Bild: Markus Sepperer

Neunundsiebzig Uraufführungen und dreißig österreichische Erstaufführungen: Das Festival Wien Modern hält starke Plädoyers für die Musik der Gegenwart.

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          Im schummrigen Licht betritt die Pianistin und Komponistin Ingrid Schmoliner die Bühne im Großen Saal des Wiener Konzerthauses. Sie setzt sich an den mit geschnitzten Holzstäbchen, Nägeln, Gummi und Stachelschweinborsten präparierten Flügel, verharrt einen Moment in Stille und beginnt schließlich eine schnelle, sich im Laufe des Stücks nur minimal verändernde Achtelfigur in der rechten Hand zu wiederholen. Anfangs klingt sie wie gedämpfte Kirchenglocken, wenig später wie ein Xylophon und am Ende wie Gamelan-Gongs. Die linke Hand setzt dem oszillierenden Zauber perkussive Akzente entgegen, die live abgenommen und durch Lautsprecher verstärkt werden. Nach unglaublichen 61 Minuten kommt die unermüdlich repetierende rechte Hand schließlich zur Ruhe, denn so lange dauert die tief beeindruckende Uraufführung von Schmoliners Komposition „MNEEM“.

          Das Werk ist einer der Höhepunkte der zweiunddreißigsten Ausgabe von Wien Modern, dem der monumentale Klavierzyklus „The people united will never be defeated“ (1975) von Frederic Rzewski vorangegangen war. Der einundachtzigjährige Komponist aus den Vereinigten Staaten sitzt selbst am Klavier und spielt die umfangreichen, virtuosen Variationen, die auf dem chilenischen Widerstandslied „Das vereinte Volk wird niemals besiegt werden“ basieren, nicht immer mit technischer Präzision, aber mit aufrichtigem Engagement. Ein geglückter Griff des Festivalleiters Bernhard Günther in das schier unüberblickbare, aber kaum ausgeschöpfte Repertoire der Neuen Musik. Bei der Programmkonzeption konnte er noch nicht wissen, wie bedrängend aktuell das Werk angesichts der Krisenherde in Lateinamerika gerade ist.

          Sogar die Straßenbahn wird bespielt

          „Wachstum“ lautet das Motto dieser Saison, die nach dem Rekordjahr 2018 mit zwanzig Prozent weniger Veranstaltungen bewusst kleiner ausfällt. Das liegt nicht an mangelndem Publikumsinteresse, sondern am Budget, das mehr nicht zuließ, selbst wenn die Stadt Wien eine Erhöhung des allgemeinen Kulturetats um zehn Prozent ankündigte. So sinken die Besucherzahlen von Wien Modern zwar 2019 von 31491 auf 20216. Doch die Auslastung steigt auf 86,3 Prozent.

          Deutlich wächst jedoch die Verbreitung des Festivals im Stadtgebiet von Wien: 25 Spielstätten verteilt auf zwölf Gemeindebezirke, darunter der Kulturraum des Wohnprojekts Gleis 21 nahe dem Hauptbahnhof mit zwei Ausgaben einer Minimal Night Music, die Alte Schmiede mit Porträtkonzerten zu den Komponisten Josef Matthias Hauer und Friedrich Cerha sowie die Minoritenkirche mit der Uraufführung von Lera Auerbachs Oratorium „Demons + Angels“ für zwei Chöre, Streichquartett und Saxophonquartett, das klanggewaltig und allzu schroffe Harmonien meidend 72 Engel und 72 Dämonen anruft, um am Ende in ein friedliches Amen zu münden. Sogar die Ringstraßenbahn wurde mit Theo Nabichts „The Circle Line Project. Die Umrundung des Klangs“ (2019) zum Konzertort.

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