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Theater in Osteuropa : Welt, verschwinde! Es gibt kein Brot und keinen Tod

Die Firma feiert: Das Prager Theater am Geländer zelebriert die Bühnenversion von „Europeana“ Bild: KIVA

Die Energie der Abgehängten: Das Berliner Festival „Radar Ost“ zeigt fünf Produktionen aus Osteuropa, die durch ihre Musikalität und Sinnlichkeit bestechen.

          Lodert in den Herzen der Abgehängten ein besonderes Feuer? Das fragte man sich beim Auftakt der Autorentheatertage im Deutschen Theater Berlin, als unter dem Motto „Radar Ost“ fünf Produktionen aus Russland, Weißrussland, Tschechien, Ungarn und der Ukraine Gastspiele gaben, die durch einen großen Schwung und eine ausgefallene Musikalität bestachen, ohne sich dabei ganz von ihren folkloristischen Wurzeln zu lösen. Drei Inszenierungen rückten die Verlierer in einer armen, hartherzigen Gesellschaft in den Mittelpunkt, und auch das Moskauer Gogol Center konzentrierte sich mit seinem Vierstundenstück „Who Is Happy In Russia“ auf das Schicksal der Entrechteten. Der Leiter der Truppe, Kirill Serebrennikow, konnte dabei nur durch eine Videoansprache anwesend sein. Zwar wurde Serebrennikow aus dem Hausarrest befreit, doch der abwegige Unterschlagungsprozess gegen ihn geht weiter, und er darf Moskau nicht verlassen. Seine Inszenierung von Boccaccios „Decamerone“ am Deutschen Theater wird daher Jahr um Jahr verschoben.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          „Who Is Happy In Russia“ ist ein Langgedicht von Nikolai Nekrassow (1821 bis 1877), ein Klassiker des russischen Naturalismus, den Serebrennikow aus der vermeintlichen Mottenkiste geholt und zu einer Parabel auf die Verlierer im postsowjetischen Russland gemacht hat. Mit Elementen von Slapstick, Akrobatik, Tanz und Gesang baut der Regisseur daraus eine symphonische Großform, in der seine Darsteller ihre verschiedenen Talente ausspielen können. Die quer über die Bühne verlaufende Pipeline und die stacheldrahtbewehrte Mauer dahinter stecken die Prioritäten des Staates ab, weshalb die in speckige Lumpen gehüllten Kerle in deren Schatten ihr Lager aufschlagen. Es beginnt mit einer Art Fernsehquiz, bei der ein schnöseliger Moderator in Nekrassows melancholisch holperndem Strophenduktus die Frage des Stücktitels reihum stellt. Verdruckst und vorwurfsvoll sagt einer: „der Gutsbesitzer“, ein anderer: „der Pope“, ein Dritter: „der Beamte“. Doch als ein Vierter ein Papier mit der Aufschrift „der Zar“ hoch hält, fallen in einer kunstvollen Prügelszene alle übereinander her und verschmelzen zu einem kollektiven Körper aus fliegenden Armen und Beinen.

          Tatsächlich bekennt einer der traurigen Helden gegenüber den schicken jungen Zynikern, die das von ihm bestellte Land erben, er und seine Kumpels seien zu dumm, sie ergötzten sich am eigenen Leid und seien daher auf die Klugheit der Herrschaft angewiesen. Ein Ventil in die Freiheit bietet allein der Alkoholrausch, was – nachdem schon in der Pause mit Kohle geschminkte „Betrunkene“ durchs Festivalpublikum taumelten – durch ein großartiges Männerballett vorgeführt wird, zu dem Sängerinnen a cappella Nekrassows Soldatenlied (Musik: Ilya Demutsky) intonieren: „Welt verschwinde! ’s gibt kein Brot, kein Zuhause, keinen Tod.“ Das Finale verwandelt Nekrassows Verlierer zu Zeitgenossen, die im hirnlosen Anpassungsfuror Putin- und Protest-T-Shirts übereinanderziehen.

          „Who Is Happy In Russia“: Am Moskauer Gogol Center wird die Glückssuche der Modernisierungsverlierer zum Männerballett.

          Das staatliche weißrussische Jugendtheater aus Minsk präsentierte dann mit „Der Mann aus Podolsk“ umgekehrt ein radikal zeitgenössisches Drama, das aber konservativ verpackt wird. Der Text des Moskauers Dmitry Danilov lässt den Bewohner einer tristen Moskauer Vorstadt in die Fänge der Polizei geraten. Die Figur dieses „Losers“ ist das ideale, nämlich wehrlose Objekt, dem Ordnungshüter gern Rauschgift unterschieben und ungelöste Fälle anhängen. Und als der Held fragt, warum er verhaftet wurde, bekommt er die kafkaeske Antwort, das werde man bald herausfinden. In der Inszenierung von Dmitry Bogoslavsky flimmert dazu über die Bühnenrückwand ein Trickfilm, auf dem Doppelgänger der Beamten einen Häftling zusammenschlagen.

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