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Klangspuren Schwaz : Soll Musik jetzt etwa parteilich sein?

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Konzentriert: Yaron Deutsch mit E-Gitarre und Dirigent Titus Engel beim Auftaktkonzert. Bild: Klangspuren Schwaz

Verklausuliert hat Olaf Scholz kürzlich eine Nähe von Kunst, Staat und Partei gefordert. Das Festival „Klangspuren“ für neue Musik in Tirol kontert diese Zumutung auf kluge Weise. Musik ist hier ein Medium der Welt- und Selbstkenntnis.

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          Seit der Corona-Pandemie wird wieder vermehrt über die Notwendigkeit von Kulturpolitik diskutiert, wobei sich die Interessenlagen je nach Blickwinkel deutlich voneinander unterscheiden. Gerade hat der SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz in einem Grundsatztext in der Zeit zum „Schulterschluss zwischen Politik und Kultur, zwischen Macht und Geist“ aufgerufen. Die Sorge um die durch die Pandemie beschädigten Strukturen kultureller Produktion verbindet er mit der verklausulierten Forderung nach einer klaren Parteilichkeit der Kunst. Auch soll die Kultur näher an den Staat und – wer kann’s verdenken – an die eigene Partei herangeführt werden, wobei der nostalgische Rückblick auf die Ära Willy Brandt und die Allianz, die amerikanische Künstler mit Initiativen von Expräsident Obama eingehen, offenbar die Richtung weisen sollen.

          Ganz andere Töne hörte man dieser Tage nun bei der Eröffnung des traditionsreichen Festivals Klangspuren in Schwaz in Tirol. Die aus Wien angereiste österreichische Kunst- und Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer betonte in ihrer Grußadresse ebenfalls die Notwendigkeit stabiler Strukturen. Sie plädierte aber nicht für eine neue Militanz, sondern verwies auf die integrative Kraft der Musik und ihre Fähigkeit, die Spaltung der Gesellschaft zu überwinden; gerade in der heutigen Situation sei sie wichtig für die mentale und seelische Gesundheit der Menschen.

          Musik als ein Medium der Welt- und Selbstkenntnis: Dieses lebensnahe Musikverständnis steckt auch hinter dem diesjährigen Festivalmotto „Transitions“. Es steht für eine Öffnung der zeitgenössischen Musik über die engen Gattungsgrenzen hinaus und soll den Blick auch auf andere Kulturen lenken. Es gehe darum, innovative Denkweisen zu entdecken, die zur Lösung der Gegenwartsprobleme beitragen könnten, sagt Reinhard Kager, der sein Amt als künstlerischer Leiter nun 2022 an das Komponistenduo Clara Iannotta und Christof Dienz übergibt.

          Dem Motto entsprechend

          Das Eröffnungskonzert lieferte mit den Werken zweier kompositorischer Draufgänger gleich einen schlagenden Beleg für das Festivalmotto. Der Vene­zolaner Jorge Sánchez-Chiong erinnerte in „Caminando“ an das Schicksal jener zahllosen Emigranten, die sein Land noch immer verlassen, und wählte für diesen Zweck die Form eines Konzerts für Schlagzeug, Klavier und Orchester. Der vorn an der Rampe postierte ­Schlagzeuger David Panzl erzeugt dabei einen vitalen Energiestrom, der das Klang­geschehen dominiert, mit dem in kleinste Rhythmuspartikel aufgesplitterten Orchestersatz aber nicht immer zusammenfindet.

          Der Schweizer Michael Wertmüller laborierte hingegen am Übergang von der Symphonik zur Rockmusik. Ihm – und vor allem dem Diri­genten Titus Engel – gelang es in dem stark rhythmisch bestimmten Konzert für E-Gitarre und Orchester besser, die ­auseinanderstrebenden Klanggruppen zusammenzuhalten und den fabelhaften Solisten Yaron Deutsch in den Gesamtklang zu integrieren.

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