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Klangspuren Schwaz : Soll Musik jetzt etwa parteilich sein?

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Neue und fantastische Hörerlebnisse

Eine andere Konfrontation zweier Welten ereignete sich im Konzert des Wiener Ensemble Phace, ergänzt durch drei Spieler arabischer Instrumente. Ausgehend von Klaus Hubers pionierhaftem Experiment „Die Erde dreht sich auf den Hörnern eines Stiers“ für europäische und arabische Musiker aus dem Jahr 1994, versuchten sich der Österreicher Gerhard E. Winkler und der in Wien lebende Ägypter Hossam Mahmoud einmal mehr an einer Synthese beider Musikkulturen: mit problematischen Ergebnissen, was nicht zuletzt an den unterschiedlichen Tonsystemen liegt. Das Scheitern war aber durchaus ehrenwert, die Vertonung von Gedichten arabischer Klassiker in Mahmouds Werk zeugte jedenfalls von großer Ernsthaftigkeit.

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Composer in residence der diesjährigen Klangspuren ist die in Bukarest geborene, in Deutschland lebende Adriana Hölszky. Wie genau sie ihr Metier reflektiert, zeigte sich beim aufschlussreichen Einführungsgespräch zum Festivalauftakt. In der Studie „A due“ für zwei hohe Es-Klarinetten entsteht über zehn Meter Distanz hinweg ein detailgenau konzipiertes Frage-und-Antwort-Spiel, in dem der scharfe Klang der Instrumente schmerzhafte Interferenzen und Kombinationstöne erzeugt. Hartnäckig arbeitet sie sich am Aspekt des Raums ab, was in Verbindung mit der wuchernden Fantastik ihrer Klanggebilde zu faszinierenden Hörerlebnissen führt. So etwa im Doppelquartett „Hängebrücken“. Hier geht es vorwiegend um den innermusikalischen Raum, der durch vielfältige Überlagerungen, Verschiebungen und Wechsel im Zusammenwirken der beiden Ensembles entsteht.

Fließender Übergang zwischen Generationen

In „Tragödia“ für großes Ensemble und achtkanalige Elektronik wird der ab­strakte Raumklang zur imaginären Theaterbühne. Das 1997 in Bonn uraufgeführte Werk evoziert mit rein instrumentalen Mitteln ein hochdramatisches Geschehen. Wie vulkanisches Magma quellen aus den Tiefenschichten fortlaufend bedrohliche Klanggestalten empor, die sich zu Schreckensvisionen verdichten. Das brodelnde Chaos ist mit kühler Rationalität geplant, die klingende Materie in ständiger Metamorphose begriffen. Tubageröchel und Paukendonner verwandeln sich in Sekundenschnelle in ein hell leuchtendes Feuerwerk aus Glocken- und Xylofonklängen, heulende Bläser und ächzende Streicher treten mit prasselnden Perkussionsgeräuschen in einen makabren Dialog. Eine Katharsis kennt die einstündige Klangtragödie nicht, sie endet in Erschöpfung.

Die Interpreten bei dieser enorm fordernden Aufführung waren die Teilnehmer der International Ensemble Modern Academy (IEMA) unter der Leitung von Johannes Kalitzke. Bereits das achtzehnte Mal sind diese hochbegabten Nachwuchsmusiker an den Schwazer Klangspuren beteiligt. Ihre Präsenz erstreckt sich auf mehrere Konzerte. Unter anderem bestritten sie im Innsbrucker Haus der Musik, wo seit zwei Jahren ein Teil der Schwazer Festivals über die Bühne geht, nun ein Wandelkonzert mit einer Vielzahl kammermusikalischer Werke. Auf das Festival wirkt sich diese Form der Nachwuchsförderung spürbar belebend aus. „Transitions“ auch hier – der Übergang zwischen den Generationen geht fließend voran.

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