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Sängerfest in Tartu : Heimat als Utopie

Nirgends singt ein so großer Anteil der Bevölkerung in Chören wie in Estland. Bild: Tarmo Haud

Die Universitätsstadt Tartu ist die Wiege der Singenden Revolution im Baltikum: Das Sängerfest, das jetzt durch Estland wandert, hat die Kultur des Landes über die Sowjetbesatzung gerettet.

          Um ihre Heimatliebe muss man die Esten in diesen Tagen fast beneiden. Selbst die Germanistin Lili Kängsepp, die wir in der Universitätsstadt Tartu treffen, trägt zur Sommersonnenwende, da zugleich der Sieg der estnischen Armee über die baltendeutsche Landeswehr vor hundert Jahren gefeiert wird, Trachtenlook: ein dezent gerafftes und besticktes Kleid mit traditionellem Spitzenkragen. Das kleine, an der seismographischen Grenze der Imperien siedelnde Volk der Esten wurde über die Jahrhunderte abwechselnd von Schweden, Deutschen, Russen erobert und kolonisiert, auch kulturell. Deswegen erklärt die gebildete Frau mit feinem Lächeln, der Schulunterricht, den die Baltendeutschen hier einst begründeten, habe nicht nur gute Seiten gehabt, sondern die Esten auch germanisiert. Während der Zeit der Fremdherrschaft bewahrten die Esten ihre Identität und ihr nationales Gedächtnis vor allem durch das Sängerfest, das am Wochenende den 150. Jahrestag seines Bestehens beging. Die schönsten Lieder, die die Heimat preisen, greifen auch dem Fremden ans Herz. Emphatisch bekennt Kängsepp sich zum Estentum, positioniert sich aber auch, in Abgrenzung zu der Nationalistenpartei EKRE, die als drittstärkste politische Kraft heute in der Regierung sitzt, als Europäerin.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In Tartu, dem ehemaligen Dorpat, das die beste Universität des Baltikums besitzt, kann man erleben, wie Traditionstreue und Fortschrittlichkeit zusammengehen. Hier ist man stolz darauf, europäischer Vorreiter in Sachen Digitalisierung zu sein, zugleich singt nirgends ein so hoher Bevölkerungsanteil in Chören. In einem europäischen Pilotprojekt werden derzeit zentrumsnahe Sowjetwohnblocks aus den fünfziger und sechziger Jahren zu „Smart Houses“ mit Dämmwänden, Solarpaneelen und intelligenter Energienutzung umgerüstet. Zugleich finden gerade die Jüngeren archaische Wurzeln cool, bezeugt Kängsepp, deren Mutter dem südöstlichen Landesteil der Setu entstammt, einer vergleichsweise armen, rückständigen, altgläubig orthodox geprägten Region, die ihr Brauchtum und ihre folkloristischen Gesänge dafür umso besser erhalten hat. Ihre Mutter habe sich ihrer Herkunft noch geschämt, sagt Kängsepp. Die Jüngeren seien umgekehrt stolz auf Verwandtschaft unter den Setu – aber obendrein auch noch Weltbürger.

          Bei der Entwicklung der estnischen Musikkultur stand dann freilich die der Deutschen Pate, insbesondere der lutherische Choral und die biedermeierlichen Liedertafeln der Herrnhuter. Der estnische Publizist und Kantor Johann Voldemar Jannsen (1819 bis 1890), der das erste Sängerfest initiierte und leitete und die Verse der heutigen Nationalhymne verfasste, sammelte Volkslieder, übersetzte aber auch deutsche Chorweisen. Und wenn Jannsen, ein Wortführer des erwachenden estnischen Nationalbewusstseins, zugleich überzeugt war, dass seine Landsleute sich zunächst als Kulturnation konsolidieren müssten, so war das inspiriert vom deutschen Idealismus.

          Das Singen von Heimatliedern sei auch ein Glaubensbekenntnis an die Zusammengehörigkeit, erklärt die Dirigentin und musikalische Leiterin des Sängerfestes Triin Koch, mit der wir uns im Pressezentrum an der Marienkirche unterhalten. In dem Gotteshaus fand 1869 das Liederfest erstmals statt, nachdem die Verwaltung des „Befreierzaren“ Alexander II. es trotz Besorgnis genehmigt hatte. Und tatsächlich sei es revolutionär gewesen, ein wichtiger Bildungsimpuls, sagt Koch; sämtliche Gesänge, die bis dahin auf Deutsch oder Latein intoniert wurden, erklangen plötzlich auf Estnisch.

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