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„Ulysses“ als Theaterstück : Im Tohuwabohu gibt es kein Vor und Zurück

  • -Aktualisiert am

Ulrich Matthes als geisterhafter Totengräber

Ulrich Matthes tritt als geisterhafter Totengräber auf und warnt lange und leise vor der Hoffnung auf Auferstehung all der Leichenberge, die jede Stunde unter die Erde gebracht werden. Peitschen knallen am Schlachttag, Elektrizität macht betrunken und die „Bulldogge von Aquin“ hat alles schon längst widerlegt – zeitweilig ist das, was man hier zu sehen und zu hören bekommt, lupenreines absurdes Theater. Die Schauspieler haben sichtlich Spaß dabei, tragen, beißen und küssen sich von der Bühne, lassen ihre Körper und Gesichter reaktionsschnell zu den plötzlichen Musikeinspielungen zucken und atmen, winseln und kreischen um die Wette. Sie sind fragmentarische Figuren, die gar nicht wissen wollen, auf welcher Station ihrer Lebensreise sie sich gerade befinden. Die sich in den Lauten verlieren, mit denen sie die Wirklichkeit nachmalen.

Immer wieder bietet der Abend fantastische Solo Nummern: Fast schon screwballhaft komisch wie bei Benjamin Lillie, der den Satz „I need to get away from the stage“ in unterschiedlichster Klangfärbung schier endlos wiederholt oder bei Judith Hofmann, die eine umwerfende Tirade gegen die Männer in all ihren Ausprägungen loslässt. Unterhaltsam-interessant wie bei Bernd Moss, der im Stil eines Science-Slam-Vortrags das Wesen der Quantenphysik erklärt, die in der Entstehungszeit von „Ulysses“ aufkam. Oder düster-tragisch wie bei Manuel Harder, der sich in einem gut zwanzig minütigen Monolog in Kinskihafte Rage redet, weil er seinen „Hunger nach Babyfingern“ nicht gestillt kriegt.

„Das Leben besteht aus vielen Tagen“

Sebastian Hartmann, der sonst durchaus gern brachial zur Sache geht, hat sich bei dieser Inszenierung vom modernistischen Zauber des polyphonen Monumentalwerks fangen lassen. Der „Faszination Erinnerung“, die bei Joyce hinter allem steht, wird hier durch das Darstellungsmittel des tableau vivant entsprochen, bei dem da eine Gemütsgeste kurz auftaucht, dort ein feingliedriger Erzählstrang wieder entschwindet

Was man zu sehen bekommt sind funkelnde Mosaike, angeordnet in einer kompositorisch abwechslungsreichen Form. Die Mischung aus kargen, rein auf Text und Spieler konzentrierter Episoden mit Sequenzen, in denen das Ensemble archaisch wild durcheinandertanzt, wirkt über weite Strecken weder prätentiös noch poserhaft, auch, weil gar nicht erst versucht wird, den unzähligen historischen und kulturellen Referenzen gerecht zu werden. Stattdessen hält Hartmann sich lieber an den bekannten Satz des Psychiaters Carl Jung, der meinte, man könne „Ulysses“ ohne große Bedenken sowohl vorwärts als auch rückwärts lesen. Was Hartmann zeigt, ist keine Essenz, kein Kondensat des Joyceschen Werks, sondern eine Synthese mit Blick auf die Grundstimmung: Das Wirrwarr, die entgrenzte, jeden erzählerischen Rahmen sprengende Phantasmagorie.

Den Rahmen sprengt dann aber unglücklicherweise auch die Inszenierung: Eine Stunde nach der Pause führt der verheißungsvolle Satz „Das Leben besteht aus vielen Tagen. Dieser wird enden“ auf eine falsche Fährte: Denn danach geht es noch lange, zu lange weiter. Schier endlos rutscht eine Molly im Nachthemd am Boden herum und gibt Tierlaute von sich, muss das erschöpfte Ensemble noch einen verkrampften Ausdruckstanz aufführen bis zuletzt ein Animationsfilmchen über die Bühnenwand flimmert und die Zuschauer überraschend profan in die großstädtische Ungewissheit entlässt. Um so einer uferlosen Prosaschöpfung gerecht zu werden, muss man auch bei seiner Dramatisierung bis zum Äußersten gehen, haben wohl Regie und Dramaturgie gedacht. Und damit gar kein Verbrechen begangen, sondern dem Werk nur allzu hilflos ihre Treue beweisen wollen.

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