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Lucerne Festival : Lauter bunte Musik

  • -Aktualisiert am

Musikerinnen und Musiker des „Chineke!“-Jugendorchesters bei ihrem Auftritt im KKL Bild: Patrick Hürlimann/Lucerne Festival

Das Lucerne Festival setzt auf „Diversity“: Afrobrasilianische Klänge treffen auf Robert Schumann, People of Color klagen ihre Rechte ein – aber bei Rachmaninow schwimmen alle im Glück.

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          Als sich die Verantwortlichen des Lucerne Festivals vor rund zwei Jahren zum jetzigen Thema „Diversity“ entschlossen, ahnten sie wohl nicht, welche Karriere das Modewort alsbald machen würde. Nach zwei Pandemiejahren und hochschwappenden Rassismus- und Genderdiskussionen haben sich daraus begriffliche Minenfelder entwickelt. Dem Festival scheint es indes nicht zu schaden. Die Idee, den – wie es der Intendant Michael Haefliger ausdrückt – Kanon der immergleichen Werke und Komponisten auf spielerische Weise zu erweitern, findet Zustimmung, und das populistisch anmutende Thema wird offenbar vor allem unter dem Aspekt eines konsensualen Pluralismus wahrgenommen. Die Suppe wird nicht so heiß gegessen, wie sie aufgewärmt wurde.

          Dem Eröffnungstag vorangestellt wurde eine Serie von Konzerten mit internationalen Jugendorchestern. Das von der Bratschistin Jennifer Stumm geleitete brasilianische Streichorchester „Ilumina“ mischt in seinem durchkomponierten Programm locker europäische Werke mit Elementen aus der brasilianischen Popularmusik. Eine Einlage auf dem Berimbau, einst das Anfeuerungsin­strument für den schwarzen Kampftanz Capoeira, stand neben Robert Schumann, ein Schlag auf die Candomblé-Trommel leitete das Schluss-Allegro aus Ludwig van Beethovens Streichquartett in cis-Moll ein, und nach dem jugendfrisch gespielten, mit choreographischen Elementen angereicherten „Tristan“-Vorspiel Richard Wagners sang der unvergleichliche Mark Padmore, der zuvor unauffällig im Bühnenhintergrund auf seinen Auftritt gewartet hatte, den Rimbaud-Zyklus „Les Illumina­tions“ von Benjamin Britten. Das alles passte auf wundersame Art zusammen – für europäische Puristen wohl ein Graus, aus der Sicht einer Gesellschaft, wo Musik noch als elementare Lebensäußerung verstanden wird, jedoch völlig normal. Die Klammer ist die vitale, akademisch unvorbelastete Musizierpraxis, wie sie nur in einer traditionell durchmischten Gesellschaft wie der brasilianischen möglich ist.

          „Nichtweißes“ Orchester

          Zum Vorprogramm gehörte auch das englische Kammerorchester mit dem signalhaften Namen Chineke!. Leiterin des ausschließlich aus „Nichtweißen“ bestehenden Ensembles ist die Kontrabassistin Chi-chi Nwanoku, Tochter irisch-nigerianischer Eltern. Ihr fiel auch die Ehre zu, beim Eröffnungsakt des Festivals die Festrede zu halten. Als gewiefte Minderheiten-Lobbyistin nutzte sie die Gelegenheit, mit Nachdruck eine größere Präsenz sogenannter People of Color – oder PoC, wie das unschöne Kürzel unter Gleichgesinnten lautet – in den Symphonieorchestern einzufordern.

          Wer hätte etwas dagegen? Nwanoku selbst ist als erfolgreiche Kontrabassistin das beste Beispiel für Integration. Der erschwerte Zugang zur Ausbildung, auf den sie zu Recht hinweist, ist aber ein soziales und kein rassistisches Problem; weiße Hartz-4-Empfänger sind davon genauso betroffen wie schwarze Jugendliche aus Problemvierteln. Nwanoku machte zudem den Fehler aller Missionare, die Interessen ihrer eigenen Gruppe zu verabsolutieren. Die vielen asiatischen Menschen, die bestens in unser Musikleben inte­griert sind, kommen in ihrem Weltbild bestenfalls am Rande vor.

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