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Musical „Hamilton“ im Wahlkampf : Ein Senator als Stimmwundermann

Niederträchtige Anspielungen auf die Herkunft des Präsidenten sind nicht rein zufällig: Lin-Manuel Miranda im Vordergrund in der Titelrolle von „Hamilton“. Bild: AP

Am Broadway spielen Latinos und Schwarze die berühmtesten weißen Männer der amerikanischen Geschichte. „Hamilton“ ist das Musical zum Wahlkampf, das alle Kandidaten und sogar der Präsident schon gesehen haben.

          Wer für ihn stimmt, stimmt für die Jugend. Kann das stimmen? Bernie Sanders ist 74 Jahre alt. Das ist doch nicht stimmig! Woher kommt diese Stimmung? Warum stimmt der alte Knabe die Jungwähler froh, wie stimuliert er sie, sich nicht als Stimmvieh zu fühlen? Es ist die Stimme. Sie ist laut, sehr laut, und sie fordert die Revolution.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Bei den jungen Leuten in den Vereinigten Staaten ist der Senator aus Vermont derzeit der zweitbeliebteste Politiker. Neben dem beliebtesten ist der weißhaarige Stimmwundermann allerdings auch nur ein junger Hüpfer. Der Favorit in der Gunst des jungen Publikums wurde 186 oder 184 Jahre vor Sanders geboren, 1755 oder 1757; so genau wusste er das wahrscheinlich selbst nicht. Sein Name ist Alexander Hamilton.

          Frechheit siegt

          Jeder Amerikaner kennt diesen Namen. Die Gründerväter werden in der Schule durchgekaut. Aber 212 Jahre nach der Nachricht, dass Hamilton in einem Duell erschossen worden war, von keinem Geringeren als Aaron Burr, dem Vizepräsidenten der Vereinigten Staaten, geht der Name wieder wie ein Lauffeuer um. Alexander Hamilton: Diesmal sind die sieben Silben untrennbar mit einer Melodie verbunden, einem Sprechgesang, der keine großen Sprünge macht, sondern mit einer Politik der kleinen Schritte das Ziel erreicht, ins Ohr einzuwandern und sich festzusetzen. So stellt sich Hamilton in „Hamilton“ vor, dem Musical, das vor einem Jahr im Public Theater im East Village uraufgeführt wurde, im August ins Richard Rodgers Theatre am Broadway umzog und seitdem auf unabsehbare Zeit ausgebucht ist.

          Lin-Manuel Miranda, der Autor, Textdichter, Komponist und Hauptdarsteller von „Hamilton“, sang die Eröffnungsnummer im Mai 2009 bei einem Poetry-Slam-Abend im Weißen Haus, zu einem Zeitpunkt, als er noch kein Musical plante, sondern ein Konzeptalbum. Auf Youtube kann man die gewaltige Wirkung des Refrains studieren, wie sie sich Abend für Abend auch im Theater einstellt. Virtuos werden die Taten des Helden beschworen, ohne dass sein Name genannt wird, in einem Gewitter aus Geistesblitzen und Musiktheaterdonner. Dann schlägt der Bombast in Lakonie um, das Feuerwerk macht einer Stichflamme Platz: Der Name fällt, der für die Wunderkraftleistungen seines Trägers keinen Schlüssel bieten kann, ein zufälliges Lautgebilde, das sich ein für alle Mal auflädt mit der Erinnerung an Ungeheures. Frechheit siegt.

          Ein revolutionärer Publikumsmagnet

          Mit einer Frage fängt alles an: Wie konnte er es so weit bringen, zum ersten Finanzminister der Vereinigten Staaten, eloquentesten Advokaten der Unionsverfassung und Vertrauten von George Washington, obwohl er ein Namenloser war, landlos im Kreis der Großgrundbesitzer, elternlos in einer Gesellschaft der Familienwertschöpfung, heimatlos in New York? Alexander Hamilton wuchs in der Karibik auf. Mit der Schilderung eines Hurrikans, die in einer Inselzeitung gedruckt wurde, gewann er Gönner, die ihn zur Ausbildung aufs Festland schickten.

          Dieser Geschichte der Unwahrscheinlichkeiten hat Lin-Manuel Miranda nun ein neues Kapitel hinzugefügt. Das gilt nicht nur für seinen eigenen Erfolg. Die Tony-Verleihung im Juni dürfte für Miranda zur Krönungsfeier werden, wie sie sich Hamilton, der Fürsprecher einer starken Exekutive, gemäß einem hartnäckigen Verdacht seiner Feinde insgeheim wünschte. Ein Publikumsmagnet, der die Genrekonventionen revolutioniert: Das hat es am Broadway seit 1996 nicht mehr gegeben, als „Rent“ uraufgeführt wurde, Jonathan Larsons Variation auf „La Bohème“ im Zeitalter von Aids. Ein Platz in den Theatergeschichtsbüchern ist Miranda schon deshalb sicher, weil er es geschafft hat, sich über die Spielregeln der kreativen Gewaltenteilung hinwegzusetzen: Für die Hauptpersonalunion des Schöpfers, der im eigenen Werk auftritt, gibt es nach Noël Coward fast kein Beispiel mehr.

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