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AfD-Theater in Dresden : Bitte mal lachen

  • -Aktualisiert am

Matthias Reichwald, Nadja Stübiger, Holger Hübner, Karina Plachetka, Yassin Trabelsi, Oliver Simon, Daniel Séjourn (von links nach rechts). Bild: Sebastian Hoppe

Was passiert, wenn die AfD regiert? „Das Blaue Wunder“ spielt dies am Staatsschauspiel Dresden durch. Eine schöne Idee, die leider scheitert.

          Eine, vielleicht die Schlüsselszene geschieht nach einer Stunde, als ein Schauspieler das Stück verlässt, vor den Vorhang tritt und „mit einer Stinkwut“ aus einem „Spiegel“-Artikel vom Februar 1990 vorliest, in dem sich „Hass und Zorn“ Westdeutscher auf ostdeutsche Flüchtlinge entladen. „Im Westen wären viele heilfroh, wenn die Übersiedler endlich dahin zurückgingen, wo sie hergekommen sind“, liest der Mann. „Bei den Bundesbürgern macht sich zunehmend Angst breit, dass diejenigen, die nun Woche für Woche zu Tausenden mühelos die Grenzen passieren, das westdeutsche Sozialsystem sprengen und den Wohnungs- und Arbeitsmarkt zum Kollabieren bringen.“ Die Rede ist von „überproportional vielen alleinstehenden Männern“, die herüberkämen, von Lagerkollern in Notunterkünften, Sauferei, Raufereien sowie Überfällen und sexueller Belästigung städtischer Bediensteter. „Gewöhnt an planwirtschaftlichen Schlendrian“ nähmen es „viele Zuwanderer von drüben mit den Arbeitszeiten nicht so genau. Für ein Schnäppchen im Kaufhaus lassen sie schon mal den Bus zur Arbeit sausen.“ Und die Bundesanstalt für Arbeit rechnet vor, dass jeder arbeitslose Übersiedler im Jahr 13 000 Mark kostet, „Geld, das zum Beispiel dringend für die Wiedereingliederung bundesdeutscher Langzeitarbeitsloser benötigt“ werde. „Das steht hier alles schwarz auf weiß im Spiegel“, wiederholt der Mann. „Stinksauer macht mich das!“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Der vor fast 30 Jahren verfasste Artikel illustriert, dass sich Ost- und Westdeutsche in manchen Dingen viel näher sind als gedacht, doch ist der kollektive Herabblick der einen auf die anderen und dieser wiederum auf Flüchtlinge auch ein Grund für den Aufstieg der AfD? Die Frage nimmt Regisseur Volker Lösch nur als Ausgangspunkt für „Das Blaue Wunder“, sein neuestes Stück am Staatsschauspiel Dresden, in dem es zentral darum geht, was passiert, wenn die AfD regiert. Nachdem die Partei in 16 Landtagen und im Bundestag sitzt und in Sachsen bei der Bundestagswahl stärkste Kraft wurde, ist das kein unrealistisches Szenario. Zu Beginn stehen daher acht besorgte Bürger, darunter auch der spätere „Spiegel“-Leser, am Bühnenrand und erklären, ihr altes Deutschland zurückhaben, in Sicherheit leben und nicht mehr wie der letzte Dreck behandelt werden zu wollen. „Wenn wir das Sagen hätten!“, rufen sie im Chor, dann hebt sich der Vorhang und aus dem Bühnenboden steigt zu Wagner-Klängen ein Schiffsrumpf empor, an dessen Bug eine blonde Frau ein blaues Buch hochhält. „Kommt an Bord mit Kraft und Freude“, ruft sie. „Als Gleiche unter Gleichen, als Deutsche unter Deutschen“ werde man auf diesem Schiff den Sinn des Lebens wiederfinden.

          Sind die feinde weg, fehlen die Sündenböcke

          Euphorisch sticht die Truppe in See oder vielmehr die Elbe hinab in eine verheißungsvolle Vergangenheit mit „Wirtschaftswunder und Schrebergärten“, „Wurst und Winnetou“, „Käfer und Trabant“; an Bord gilt selbstverständlich die D-Mark. Als Logbuch dient ihnen das Blaue Buch, das Originalzitate von AfD-Politikern und aus dem -Parteiprogramm enthält. Die Seefahrer lesen daraus ehrfürchtig wie aus der Bibel vor, was etwa „Prediger Gauland“ oder „Märtyrer Höcke“ von sich geben. Die politische Korrektheit lege sich wie Mehltau über das Land, der deutsche Volkskörper werde durch Flüchtlingsmassen penetriert, Deutschland brauche einen vollständigen Sieg der AfD, man müsse grausame Bilder aushalten und dürfe sich nicht von Kinderaugen erpressen lassen. Es ist ein Arsenal an Niedertracht und Scheußlichkeiten, das die Autoren Thomas Freyer und Ulf Schmidt zusammengetragen haben und im Laufe des zweistündigen Abends auch noch steigern. „Absaufen“, wie es schon auf einer Pegida-Veranstaltung gefordert wurde, brüllt die Besatzung, als sie auf Schiffbrüchige trifft. „Sind doch nur 200 Meter bis zum Festland – nach unten“, erklärt der Kapitän und schickt den vermeintlichen Kalauer „Welche Region nimmt die meisten Flüchtlinge auf? – Das Mittelmeer!“ hinterher.

          Im Verlauf kommt es an Bord freilich, wie es kommen muss: Erst geht die Wurst aus, dann gibt’s nur noch Sauerkraut, und alle haben Durchfall. Die eigentlich schöne Idee aber, das Stück ins Groteske zu steigern, verfängt nicht, stattdessen eskaliert alles vorhersehbar und langweilig, woran auch das exzellente Schauspiel-Ensemble und das großartige Bühnenbild nichts ändern. Die AfD-Anhänger werden selbst zu Flüchtlingen, ihr Schiff darf nirgends anlegen, an Bord wird gestohlen und sich bereichert, die Unzufriedenheit gärt und mündet in Spitzelei und Verrat. Ohne äußere Feinde auf dem Schiff aber fehlen Sündenböcke, die sodann unter den eigenen Leuten – vermeintliche Aufrührer, Homosexuelle, Frauen – gefunden und in den Maschinenraum gesperrt werden, wobei die bis dahin dort tätigen Ausländer über Bord gehen. Eine Diktatur installiert sich, die Abweichler drangsaliert oder lieber gleich füsiliert. Schließlich trifft das Schiff auf seiner irren Irrfahrt auf ein ebensolches, auf dem Männer in grünen Kaftanen mit Krummsäbeln herumfuchteln.

          Nach anfänglicher Abneigung erkennen beide Seiten offensichtliche Gemeinsamkeiten – vor allem in der Haltung gegen den liberal-demokratischen Westen – und nehmen unter dem Schlachtruf „Heil Allah!“ zusammen Kurs auf den sächsischen Landtag, der ihnen – Bitte nicht auf unser schönes Dresden schießen! – von der CDU kampflos übergeben wird. Das aber ist nicht das Ende, denn schon während der Irrsinn auf der Bühne seinen Lauf nimmt, fällt immer häufiger der Vorhang und Vertreter der Dresdner Zivilgesellschaft kommen kurz zu Wort. Das sind zumeist engagierte junge Leute, die gegen Pegida demonstrieren, sich um Flüchtlinge kümmern und sich für ein menschliches Miteinander einsetzen. Sie warnen das Publikum explizit vor einer schwarz-blauen Regierung, sie fürchten, dass soziale Projekte das nicht überleben. Das allerdings dürfte das geringste Problem sein, käme die AfD an die Macht. Die Vertreter der Vernunft als Kontrast zum Chaos auf dem Schiff sind gut gewählt, nur entwickelt sich das Stück so immer mehr zu plumper Propaganda, und spätestens hier wird es wirklich ärgerlich: Wählt nicht AfD!, wird an die Zuschauer nicht nur appelliert, sondern ihnen dröhnend eingehämmert, so als seien sie – noch dazu als Theatergänger – zu blöd, das zu begreifen. Das ist nicht aufklärerisch, sondern peinlich und belehrend.

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          „Wir wollen uns nicht mehr an den Rechten abarbeiten“, ruft schließlich eine der zivilen Protagonisten, nachdem gerade zwei Stunden lang genau das Gegenteil passiert ist. So treffend das Staatsschauspiel Dresden immer wieder die bisweilen verstörende Gegenwart vor der eigenen Haustür auf die Bühne bringt, so scheitert es doch mit diesem verbissenen Frontalangriff auf die selbsternannte Alternative. Auch der fast schon sehnlich erwartete Skandal ist ausgeblieben, Sachsens AfD hat sich ohnehin nur kurz per Pressemitteilung echauffiert. Wie anders wäre das wohl, würde man dem Treiben der Partei mit Witz begegnen, sie der Lächerlichkeit preisgeben, indem man etwa die oft mit intellektuellem Hochmut getarnte Opferhaltung ihrer Anführer und den gedankenlosen Herdentrieb ihrer meisten Anhänger entlarvt. Denn nichts fürchten sie in der AfD so wie Humor, weil sie ihre Mission und vor allem sich selbst so verbissen und bierernst nehmen. Humorlosen Typen aber, das zeigt doch die Geschichte, sollte man niemals ein Land anvertrauen.

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