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Beethoven am Ural : Maskenball für Mutige

  • -Aktualisiert am

Thomas Zehetmair dirigiert Beethovens Neunte. Bild: Evgeny Potorochin

Weltweit mussten alle Beethoven-Festivals dieses Jahr ausfallen. Nur in Russland ging man das Risiko ein, den Jubilar trotz der Pandemie mit mehreren echten Konzerten zu feiern. Und zwar triumphal.

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          In diesem Beethoven-Jahr, das infolge der Corona-Pandemie zum Jahr der abgesagten beziehungsweise verschobenen Festivals wurde – ob Bonn oder Aachen, Wien oder Warschau –, fand ein internationales Beethoven-Fest dennoch statt, und zwar unter dem Titel „Be@thoven“ in der russischen Uralmetropole Jekaterinburg am äußersten Rand Europas, dort, wo Sibirien beginnt. Die ambitionierte Philharmonie dieser Rüstungsschmiede pflegt die Musik Beethovens, die als Inbegriff des Heroischen gilt, seit den dreißiger Jahren, bemüht sich in jüngster Zeit durch Kooperationen mit Dirigenten und Instrumentalisten aus Deutschland jedoch auch um historische Aufführungspraktiken. Russland hat trotz hoher Infektionszahlen und zumal in den Regionen überforderter Gesundheitssysteme von einem Total-Lockdown der Kultur abgesehen, auch weil es kein Unterstützungsprogramm für Künstler gibt. So wurde das vom Auswärtigen Amt und vom Gouverneur des Swerdlowsker Gebiets unterstützte Festival, das zugleich ein Hauptbeitrag des Deutschlandjahres in Russland 2020/21 darstellte, für die mitwirkenden Musiker aus Deutschland zur willkommenen Auftrittsmöglichkeit, aber auch zur Mutprobe und – angesichts zweier Corona-Fälle unter den Gästen – zum Stresstest.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Swerdlowsker Philharmonie lässt sich die Sicherheit von Musikern und Publikum viel kosten. Der Saal wird mit neuen Maschinen gelüftet und im Schachbrettmuster zu maximal fünfzig Prozent besetzt, Zuschauer wie Instrumentalisten müssen Masken tragen, mit Ausnahme der Bläser, die aber hinter Plexiglasschirmen spielen, sämtliche Mitarbeiter werden im Dreitageturnus getestet. Das Fest, das der Philharmonie einen begeisterten Publikumsansturm bescherte, bot eine Woche lang Kammer- und Symphoniekonzerte, gekrönt durch den Auftritt des internationalen Tschaikowsky-Jugendorchesters als Abschluss der diesjährigen deutsch-russischen Instrumentalistenakademie. Flankierend präsentierte das Foyer der Philharmonie eine vom Bonner Beethoven-Haus geschenkte Ausstellung über den Komponisten, die Schulklassen anzog und durch die Region touren wird. Auch in der Stadt war Beethoven präsent, aus einem mannsgroßen „B“ am zentralen Platz der Arbeit tönt Musik, und in einer mit „Be@thoven“-Logo geschmückten Straßenbahn der Linie 7 leiten den Passagier QR-Codes zu Wissenswertem über den Musiker. Etliche Konzerte wurden zudem live in die virtuellen Konzertsäle des Umlands übertragen.

          Der Festival-Titel geht auf eine vor vier Jahren entstandene „Anrufung“ des Russen Vladimir Tarnopolski zurück, die die Isolation Beethovens durch seine Ertaubung mit Material von dessen viertem Klavierkonzert in Musik setzt. Das Instrumentalwerk, das mit pfeifenden Geigentönen, wattigen Bläsern, scharrenden Tiefenregistern auch unserer distanzbedingten Wahrnehmungsverluste tonmalerisch einfängt, erklang im Eröffnungskonzert unter Alexej Bogorad, der für den erkrankten Chefdirigenten des Ural-Orchesters Dmitri Liss eingesprungen war. Das Klavierkonzert selbst spielte der brillante Pianist Severin von Eckardstein, der dieses lyrisch sinnierende Werk mit einem phänomenalen Reichtum an Klangfarben und Anschlagsweisen gestaltete, was zugleich frei und natürlich wirkte.

          Der Pianist Severin von Eckardstein
          Der Pianist Severin von Eckardstein : Bild: Evgeny Potorochin

          Von Eckardstein hat ein besonderes Verhältnis zum russischen Publikum, bei dem er eine andächtige, körperliche Art, Musik zu hören, schätzt. Bei seinem Solo-Abend kombinierte er Beethovens letzte Sonate op. 111, deren grimmige Majestät und jenseitige Ekstase aus der irdischen Welt katapultieren, mit Prokofjews zerklüfteter sechster Klaviersonate, die unter dem Eindruck der Verhaftung und Ermordung von Wsewolod Meyerhold 1939/40 entstand. Wie in dieser äußerst gestischen Komposition mechanische Ostinati, in denen lustige Märsche, Peitschenschläge, sogar Schüsse anklingen, gesangliche Inseln niederwalzen, darin liegt eine bittere Anklage.

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