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Die neuen Münchner Choreographien sehen nach Zen-Magie aus, erfordern aber Ausdauer wie ein Boxkampf. Bild: Wilfried Hösl

Bayerisches Staatsballett : Ihr auf dem Bildschirm, wir auf dem Sofa

  • -Aktualisiert am

Eine ästhetisch programmatische Zukunftsaussicht, die den Betrachter euphorisch zurücklässt: Das Bayerische Staatsballett präsentiert die erste Online-Premiere seiner Compagnie.

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          Tanz, wir vermissen dich schmerzlich. Und zwar weniger aus Egoismus und Langeweile oder dem Gefühl, dass der kinästhetische Sinn demnächst tiefer eingeschlafen sein wird als Dornröschens Schloss hinter der hundertjährigen Hecke, sondern vielmehr aus Empathie. Alle Sänger, Musiker, Schauspieler, Tänzer vermissen es, vor uns aufzutreten, und wir beim Zuschauen, einen Raum gemeinsamer ästhetischer Erfahrungen mit ihnen zu teilen. Vielleicht aber ist es für die Tänzer, vor allem die jungen Tänzer, am schwersten.

          Denn in Form zu bleiben, körperlich und mental, ist gerade für junge Tänzer im Lockdown über die Maßen herausfordernd – allein an den Ballettstangen im Wohnzimmer, an Treppengeländern und auf Fußböden ihrer Zweizimmerwohnungen. Wie sollen sie denn in Rollen hineinwachsen, wenn es gar keine Vorstellungen, keine Proben, keine Compagnie-Trainings mit vierzig Schwitzenden gibt, in denen sie auch durch Beobachtung anderer lernen? Wo sollen sie denn Sprünge üben? Im Winter. Auf einem Parkplatz? Wie ihre Kondition halten, wo sie doch sonst acht Stunden täglich trainieren, proben, auftreten, und Krafttraining absolvieren, Gyrotonics, Physiotherapie und Massagen nicht eingerechnet?

          Sie sind auf sich allein gestellte Hochleistungssportler ohne Wettkampf. Nicht nur wir als Zuschauer fehlen ihnen, sondern auch ihre Teamkollegen. Wie soll man ein Corps de ballet bleiben, wenn man bestenfalls mit zehn Kolleginnen in einer „Bubble“ arbeiten darf? Am schwersten ist es für Tänzer auch deshalb, weil ein ganzes Jahr in ihren notwendigerweise kurzen Athleten-Karrieren so viel ausmacht! Sie haben meistens nicht mehr als fünfzehn Jahre, nicht dreißig oder fünfzig wie Sänger oder Schauspieler.

          Tänze von Russell Maliphant, Sharon Eyal und Liam Scarlett

          In München aber gab es jetzt – virtuell, aber was soll’s! – endlich wieder Tanz. In dieser Woche präsentierte das Bayerische Staatsballett die erste Online-Premiere seiner Compagnie. Das ging ausstrahlungstechnisch weitgehend gut und ließ, als ästhetisch programmatische Zukunftsaussicht aufgefasst, den Betrachter absolut euphorisch zurück: so gute Stücke, so ausgezeichnete Tänzer in so hervorragender Verfassung. Wenn dieser Lockdown vorbei ist, sollte man zuerst nach München gehen und sich diese neue „Triple Bill“ im Nationaltheater anschauen.

          Euphorisch heißt, so euphorisch man allein auf seinem Sofa vor einem Monitor werden kann. Live war auch nicht live wie angenommen, wie ja derzeit fast unvermeidlich dauernd alles anders kommt als gedacht. Blickt man zwei Wochen zurück, kann man sich schon kaum mehr erinnern, was gerade erlaubt und möglich war und wo wieder dieses riesige Schild „Pandemie“ davorstand und Weiterkommen unmöglich war. Für das Bayerische Staatsballett bedeutete das, dass es seinen dreiteiligen, „Paradigma“ überschriebenen Ballettabend mit fabelhaften Tänzen von Russell Maliphant, Sharon Eyal und Liam Scarlett am 18. Dezember nur aufzeichnen konnte und das Programm erst jetzt auf staatsoper.tv streamen konnte. Der Lockdown verhinderte kurz vor Weihnachten die Live-Übertragung einer Aufführung ohne Publikum, dann standen Opern-Produktionen an.

          Benzin und Champagner im Blut

          Das Fernsehen hält nicht umsonst noch immer Abstand von der Kunstform Tanz. Es ist nicht einfach, Tanz so zu filmen, dass nicht alles distanziert und langatmig wirkt. Dennoch – im Vergleich mit anderen Künsten ist der Tanz im Fernsehen in unverständlichem Ausmaß unterrepräsentiert. Zwei Dinge hat das Bayerische Staatsballett in dieser Hinsicht richtig gemacht. Erstens wechseln dank einer ruhigen filmischen Dramaturgie die Bilder in unaufgeregtem Rhythmus zwischen Nahaufnahmen und Totalen hin und her. Nie hat die Nähe der Kamera etwas Aufdringliches, und immer verweist der Wechsel in die Totale darauf, den Fokus auf die Formationen der Tänzer im Raum zu richten. Zweitens sind die drei Stücke hervorragend geeignet, die virtuelle Distanz zum Zuschauer zu überwinden.

          Russell Maliphant, Englands prominentester zeitgenössischer Choreograph mit großer klassischer Vergangenheit, schuf „Broken Fall“ 2003 für Michael Nunn, William Trevitt und den Superstar Sylvie Guillem. Es ist eine wundervoll fließende Meditation in Bewegung, eine Art Mischung zwischen kontemplativ vorgetragenen Kampfsportbewegungen und den aufregendsten zeitgenössischen Variationen klassischer Hebungen. Ständig lehnt jemand sich an, verlagert sein Gewicht, um neue Impulse im anderen auszulösen, fasst, hebt, wirft ein Körper den anderen. Das sieht nach Zen-Magie aus, erfordert aber Stamina wie ein Boxkampf und Vertrauen wie unter der Zirkuskuppel.

          Es ist ein aufregendes Stück, dessen Wiederaufnahme unglaubliche Freude auslöst und eine gute Vorbereitung auf Sharon Eyals 2015 für das Nederlands Dans Theater geschaffenes „Bedroom Folk“ darstellt, in dem sich acht in elegante schwarze Trikots gekleidete Tanzmaschinen zu elektronischen Beats von Ori Lichtik motorisch extravagant benehmen. Die Israelin Eyal ist eine sehr starke Stimme des zeitgenössischen Tanzes: eigen, aber für ihre Generation Bände über Beziehungen und Intimität sprechend. „Bedroom Folk“ ist, wie der neue Münchner Ballettdramaturg Serge Honegger witzig schreibt, „Tanzparty, Vogelschwarm, Schlägertrupp, Pferdedressur, Irrenhaus, Burnout-Gesellschaft, Schattenkampf, Soldaten-Korps, Lockerungsübungen, Trippelmarsch, Strandläufer, Menschenfresser, Liebespaar, Würgeengel, Spiegelfechten, Schwanensee, Tanzautomaten...“ Herrlich: Danach hat man Muskelkater, als hätte man die Nacht selbst im Club durchgetanzt oder bei der Siegerparty nach einem Formel-1-Rennen Benzin und Champagner im Blut.

          Liam Scarletts 2014 geschaffene und wie „Bedroom Folk“ neu ins Münchner Repertoire aufgenommene Rachmaninoff-Träume schließlich sind von elegischer Schönheit, aber zu clever gemacht, um sich allein in Reminiszenzen zu ergehen.

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