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„Spartacus“-Ballett in München : Erotik besiegt die Kampfeslust

  • -Aktualisiert am

Dass Grigorovich mit „Spartacus“ ein Männerballett schuf, ist ebenso ungewöhnlich wie die Besetzung mit vier gewichtigen Solistenrollen, deren Charakterisierung er auch tänzerisch individuell zu gestalten wusste. Crassus etwa posiert als stolzer Herrscher mit dem Marschallstab in der Hand, er marschiert mit großen Schritten umher und springt mit weit ausgestreckten Beinen wie ein Flugkörper über die Bühne, manchmal direkt auf das Publikum zu. Weitaus vielschichtiger ist die Rolle seines Gegners Spartacus angelegt, der dadurch auch als Mensch greifbarer wird. In seinen Sprüngen streckt er Beine und Oberkörper nach hinten, zeigt er sich verletzbar und mit offener Brust. An den Händen mit Ketten gefesselt, windet er sich als Sklave unter Schmerzen, den Oberkörper immer wieder gen Boden neigend, um dann wieder aufzubegehren und sich aufzurichten. In den Duetten mit Phrygia beweist er Zärtlichkeit, aber auch Stärke, wenn er die Geliebte in den Himmel hebt, einmal nur mit einer Hand. „Spartacus“ verlangt den Akteuren mit vielen Sprüngen, Drehungen und athletischen Momenten alles ab, doch Grigorovich setzte diese effektvollen Bewegungen nie um ihrer selbst willen ein, sie dienen immer der Rollengestaltung und berühren als getanztes Gefühl und nicht als zirzensische Einlage. Sergei Polunin (Crassus) überzeugt in der Rolle des Bösen als technisch perfekter Tänzer, Osiel Gouneo (Spartacus) zudem mit seiner darstellerischen Ausdruckskraft.

Die Armee marschiert auf: Crassus (Sergei Polunin) an der Spitze.
Die Armee marschiert auf: Crassus (Sergei Polunin) an der Spitze. : Bild: Wilfried Hösl

Auch die beiden Frauenrollen könnten nicht gegensätzlicher angelegt sein. Ivy Amista verkörpert eine unverstellt reine Phrygia, die in ihrem Monolog ihre Angst vor der Sklaverei lebhaft ausdrückt, die Arme auf dem Rücken verschränkt als trüge sie Ketten. Von reiner Liebe erfüllt, begegnet sie Spartacus, an dessen Seite sie sich von einem unschuldigen Mädchen, das seine Gefühle unbekümmert heraustanzt, zu einer Frau entwickelt, die sich in den Duetten virtuos mitzuteilen weiß. Ganz anders Crassus’ Kurtisane Aegina (Natalia Osipova), die sich wie ein Showgirl in Szene setzt: Verführerisch schlängelt sie mit den Armen, betont die Hüften beim Gehen, posiert wie eine Balanchine-Tänzerin, indem sie einen Arm nach oben streckt. Mit ihrem kalkuliert eingesetzten Sex betört sie nicht nur Crassus, sie windet sich aufreizend wie eine Stangentänzerin vor Spartacus’ Gefolgsleuten und untergräbt damit die Moral der Truppe, was den Römern den Sieg sichert. Was Aegina noch nicht wissen konnte: Die destabilisierende Wirkung der Erotik wurde zu einem beliebten Dekadenz-Motiv in der Kunst der Jahrhundertwende, Ausdruck einer bürgerlichen Angst, die auch den Herren im Kreml anscheinend nicht unbekannt war. Immerhin ließen sie es zu, dass ihr Volksheld Spartacus letztlich an einer Hure scheitert. Wie unheroisch.

Das sowjetische Publikum soll seinerzeit von der deutlichen Erotik des Tanzes recht befremdet gewesen sein, das kannte man hinter dem Eisernen Vorhang noch nicht. Grigorovich aber, der das Bolschoi seit Ende der fünfziger Jahre leitete und mit ihm auf Tournee ging, war mit dem westlichen Ballett vertraut. Und so, wie er Bewegungen Balanchines aufnahm, fügte er auch Elemente des Modern Dance hinzu, setzte Sequenzen aus Volkstänzen ein und schuf so auf der Grundlage des klassischen Balletts ein abwechslungsreiches Stück, das bis heute perfekt dargebotene Unterhaltung im Breitwandformat bietet, und von dem auf 30 Positionen neu besetzten Bayerischen Staatsballett fulminant aufgeführt wurde.

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