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„The Humans“ in Bochum : Das heißeste Drama des Broadways

Je schrecklicher die Familie, desto besser der Sekt: das Bochumer Ensemble in „The Humans“ von Stephen Karam Bild: Diana Käster

Zum ersten Mal macht das angesagte Drama „The Humans“ Station in Europa – und das nicht etwa in London, sondern am Bochumer Schauspielhaus.

          Vor dem Theater wird Glühwein ausgeschenkt. Die Einstimmung ist gratis. Dabei wird das Publikum gleich in eine Familienhölle geschickt, wo der Alkoholpegel ständig höher steigt. Auf dem Spielplan steht das heißeste Drama, das der Broadway derzeit zu bieten hat: „The Humans. Eine amerikanische Familie“ von Stephen Karam wurde, nach der Uraufführung in Chicago, in New York 502 Mal gespielt und zum „best play 2016“ gekürt. Das Schauspielhaus Bochum hat sich – noch vor dem Londoner West End – die Europäische Erstaufführung in der Übersetzung von Michael Raab gesichert.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Der Autor, der sein Geburtsdatum nicht verrät, doch 2002 das Studium abgeschlossen hat und mithin Ende dreißig sein dürfte, stellt drei Zitate als Motti voran. Das erste ist dem Bestseller „Denke nach und werde reich. Die 13 Gesetze des Erfolgs“ von Napoleon Hill entnommen: „Wir unterscheiden sechs Hauptarten der Angst, die einzeln oder im Verbund jeden von uns irgendwann heimsuchen. Es sind die Angst vor Armut, Kritik, Krankheit, Liebesverlust, Alter, Sterben“. Karam, der seinen Eugene O’Neill und seinen Arthur Miller gelesen hat, bringt alle sechs in seinem Stück unter. Als Komponenten eines szenischen Gesellschaftsporträts, in dem der „amerikanische Traum“ einmal mehr zum Zerrbild wird. Ein Drama nach Rezept.

          Jeder kämpft mit den eigenen Problemen

          Die 26 Jahre alte Brigid Blake ist mit ihrem zwölf Jahre älteren Freund Richard gerade in eine neue Wohnung in Chinatown gezogen. Alles ist etwas heruntergekommen: Kippen im Durchgang, Kakerlaken im Flur. Straßenlärm dröhnt herein, und die Nachbarn im Stockwerk darüber lassen es immer wieder rumpeln. Die Kisten sind noch nicht ausgepackt, als Brigids Eltern Erik und Deirdre, Provinzler aus Scranton, Pennsylvania (wo der Autor aufgewachsen ist), mit der dementen Großmutter Fiona, genannt Momo, sowie der älteren Schwester Aimee aus Philadelphia zu Besuch kommen. Die Familie trifft sich, um Thanksgiving zu feiern, da gelten, bis hin zum irischen Volkslied aus der alten Heimat, feste Rituale, auch wenn diesmal der Sekt in Plastikbechern und der Truthahn auf Papptellern serviert wird. Same procedure as every year.

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          Je inniger die Harmonie der Familie beschworen wird, desto deutlicher werden Spannungen und Belastungen spürbar. Kein vernünftiges Gespräch kommt zustande, jedes ernste Thema wird banalisiert, ironisiert oder abgebrochen; die sechs Ängste durchkreuzen die Dialoge und nach und nach jedes Verständnis: Brigid hat ihre Karriere als Komponistin aufgeben müssen, Richard ist ein später Student, der seine Depressionen überwunden hat und zum vierzigsten Geburtstag eine Erbschaft erwartet, Aimee, die unter der Trennung von ihrer Lebensgefährtin leidet, drohen der Verlust ihres gutbezahlten Jobs als Anwältin und eine Darmoperation, Deirdre kämpft mit ihrem Gewicht und engagiert sich ehrenamtlich für bhutanische Flüchtlinge, Erik hat jede Nacht schweißnasse Albträume, und Momo murmelt im Rollstuhl Kassandrasprüche in Endlosschleife: „Where do we go? Where do we go?“ Die Familie als gesellschaftlicher Mikrokosmos, der die amerikanischen Zustände brennglasartig bündelt.

          Finanzkrise, kollabierende Sozialsysteme, steigende Pflegekosten, unsichere Arbeitsverhältnisse, moralischer Rigorismus, formelhafte Religiosität – alles kommt vor. Doch die Probleme werden mehr aneinandergereiht als zum Konflikt geschnürt, die Personen erscheinen als Demonstranten des sozialen Elends. So hat Erik am Tag des Anschlags auf die Twin Towers Aimee zu einem Bewerbungsgespräch in der Nähe begleitet und nur überlebt, weil die Aussichtsplattform noch nicht geöffnet war – seitdem verfolgt ihn eine Frau ohne Gesicht in seinen Träumen. Am Ende gesteht er seinen Töchtern, dass er ihre Mutter betrogen hat und entlassen wurde, das Grundstück am See verkauft hat und das Haus für eine kleine Wohnung tauschen muss. Ein Countdown, der in seiner persönlichen Apokalypse endet: Nach einer Panikattacke wird er von der Bühnenmaschinerie verschluckt.

          Bochum ist nicht der Broadway. Aber das gilt auch umgekehrt: Der Broadway ist nicht Bochum. Was dort als „kritisches“ Theater einschlägt, das auf schnelles Wiedererkennen aus ist, hat hier die Qualität einer besseren amerikanischen Vorabendserie. Der junge Regisseur Leonard Beck, der erst vier Wochen vor der Premiere eingesprungen ist, lässt „The Humans“ schnell und typengenau herunterspielen: Bernd Rademacher wahrt Erik eine bemühte Würde, Johanna Eiworth verwuselt Deirdre zum fahrigen Trampel, Kristina Peters hüllt Aimee in tapfere Trauer, Karoline Horster gibt Brigid girliehaften Trotz, Michael Kamp zeichnet Richard als braven Musterschwiegersohn, und Nina Wurman sitzt als abgedrehter Althippie Momo im Rollstuhl.

          Im Bühnenbild von Sophie Charlotte Fetten, einem Wohn-Doppeldecker, oben nur mit Umzugskisten und einem Sessel, unten mit Camping-Esstisch, Couch und einer Küchenecke möbliert, werden die beiden Ebenen so von einer Wendeltreppe verbunden, dass jeder, der sie benutzt, sich verbiegen und den Kopf einziehen muss: Einübung in ein gekrümmtes Leben, das keinen aufrechten Gang gehen lässt.

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