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Theaterstück „Graf Öderland“ : Das Absurde ist da

  • -Aktualisiert am

Auf der Trichterbühne ist kein Halt: Barbara Horvath als Elsa und Thiemo Strutzenberger als Staatsanwalt Bild: Birgit Hupfeld

Die Axt im Trichter erspart den politischen Zimmermann und die Aktenmappe: Stefan Bachmann inszeniert Max Frischs „Graf Öderland“ als surreales Traumspiel.

          3 Min.

          Im Theater versucht man neuerdings ja, jede freie Bewegung durch allerlei Hemmschuhe und Hindernisse zu erschweren oder ganz zu verhindern. Schiefe Ebenen, steile Rampen, schlüpfrige Abhänge, bedrohlich rumpelnde Drehbühnen machen das bürgerlich-bequeme Gehen, Herumstehen oder gar Sitzen zum physisch gefährlichen Wagnis, wenn nicht unmöglich.

          Olaf Altmann setzt jetzt in seinem Bühnenbild für Max Frischs „Graf Öderland“ dieser vorsätzlichen Immobilmachung die Krone auf: Blickfang und Fluchtpunkt aller Linien ist ein Riesentrichter, der wie ein schwarzes Loch alles Licht und Leben aufsaugt, das Öderland zu verpassen fürchtete. Oben, durch das kleine Loch am Ende des Tunnels, steigen Frischs Figuren ein: der Mörder ohne „menschliches Motiv“, der Staatsanwalt, der durch den acte gratuit in eine Sinnkrise gerät, die Köhlerbande, die ihn zum Messias ausruft, die gute Gesellschaft, die dem Putschisten den Teppich ausrollt. Alle halten sich eine Weile akrobatisch auf den glatten Innenwänden des Schlunds, aber irgendwann kommen sie unweigerlich ins Gleiten, Rutschen, Fallen. Am Ende der Rutschbahn in den Abgrund wartet der feste Boden der Theatertatsachen, markiert durch ein Dutzend Äxte.

          Frisch beschrieb in seinen Regieanweisungen detailliert die Genreszenen und Kulissen seines Märchens: Juristenwohnung, Gefängniszelle, Hotellobby, Kanalisation, Regierungspalast. Stefan Bachmann löscht alles Konkrete und Reale in den surrealen Abstraktionen seines Traumtrichters aus. Und macht Frisch so geheimnisvoller und aktueller, als er vermutlich ist.

          Eine Erneuerung in der Absurdität

          „Graf Öderland“ war Frischs Lieblingsstück, aber im Theater fiel der Amok laufende Staatsanwalt in allen drei Fassungen durch. Seiner Akten, Pflichten und der Ordnung überhaupt überdrüssig, übermannt und inspiriert vom sinnlosen Mord eines Buchhalters, packt er die Axt aus der Aktentasche und zerhackt alles, was der bürgerlichen Mitte heilig ist: Ehe, Recht, Moral, Arbeit, Vergnügen. Das existentialistisch angehauchte Schauermärchen blieb 1951 dem Publikum, zumal in der Schweiz, fremd. Der Graf bot kaum Identifikationsflächen, und wenn, dann eher falsche: Er ist weder Hitler-Wiedergänger noch Waldgänger, er will keine Ideologie vollstrecken, nicht einmal die Macht ergreifen, die auf der Straße liegt. Er ist ein Beamter mit Burnout-Syndrom, ein Schweizer mit Beil, der einmal „herrlich und frei“ leben will.

          Wenn er heute, selten genug, die Bühne betritt, muss er daher erst mal vom Staub existentialistischer Geworfenheit befreit werden. 2010 in Basel machte Spaßtheaterregisseur Simon Solberg aus Frischs rasendem Biedermann einen wüsten Anarcho-Jux: Der Staatsanwalt und seine Räuberbande propagierten das herrlich freie „Furzen und Ficken“ im Untergrund mit Rocksongs, Trillerpfeifen und Revolutionsklamauk. 2015 funktionierte Volker Lösch das Stück in Dresden zum Anti-Pegida-Chor um: Frisch kam unter die Räder, das Wutbürgertum schäumte.

          Jetzt hat Frischs Landsmann Stefan Bachmann den alten Öderland ausgegraben. Vor zwanzig Jahren, als Schauspielchef in Basel, war Bachmann mit seinem frechen Pop- und Unterhosentheater durchaus umstritten. Inzwischen ist er in Köln zum erfolgreichen Intendanten gereift, der sich selbst manchmal schon wie ein weißer alter Mann unter Druck fühlt. Vor drei Jahren machte er in Basel aus den Jamben von Schillers „Tell“ fetzige Rap-Nummern. Das einig Volk von Brüdern war eine sympathische Rasselbande von rauschebärtigen Althippies, verzwergten Stadtindianern, Desperados und Asterix-Galliern in Daunenjacken und Ethno-Fellmützen, die im Maulwurfsbau der Alpen herumkrochen und irgendwie den Weg ins Freie fanden. Eine ähnlich wunderbare Erneuerung gelingt Bachmann jetzt auch mit einem anderen Mythos des Schweizer Widerstands: Er macht aus „Graf Öderland“ absurdes Theater im Bergwerk des Unterbewusstseins und aus dem kleinen Axt-Hitler einen großen Albträumer.

          Die Träumereien entbehren jeglicher Logik

          „Das Absurde ist da“, und es zeigt sich in vielerlei Gestalt, in surrealistischen Phantomen, Zwanziger-Jahre-Dekadenz, Stummfilm-Pantomimen, Nosferatu-Grusel und Tarantino-Greueln. Die Köhler im Wald sind eine Laokoongruppe bärtiger, verfilzter Naturburschen, Klaus Brömmelmeiers Hellseher ist ein aasiger Hanussen. Linda Blümchen ist schnippisches Dienstmädchen, gute Fee, ein ägyptisch tanzendes Revuegirl, das den Wachtmeister verführt, und Coco, die First Lady, die sich jedem Führer hingibt. Die Stützen der Gesellschaft sind in Basel nach Beckmann und Dix modelliert: Generäle mit Augenklappe, stiernackige Kapitalisten, korrupte Minister, die mit spitzen Fingern tote Kanalratten hochhalten.

          Thiemo Strutzenberger als Staatsanwalt wirkt mit seiner Max-Frisch-Hornbrille und seinem abwesend-lauernden Singsang wie von einem anderen Stern. Wenn er mit der Axt zuschlägt, quellen Würste aus den Eingeweiden, und das Blut spritzt auf weiße Hemden, aber die Toten spielen ungerührt weiter. Ein formidables Quartett spielt Songs zwischen Weill-Ballade, Bänkellied und Jazz, das Klavier schlägt den Takt zum Männerchor. „Man hat mich geträumt“: Was im Trichter passiert, gehorcht einzig der Logik des Traums.

          Natürlich plündert Bachmann die Archive der Filmgeschichte und kratzt nicht allzu tief unter der zivilisatorischen Kruste. Aber er macht mit seinem kaum hundertminütigen Moritatenreigen den beinahe totgesagten Frisch frischer und lebendiger denn je. Die absurd und bildmächtig geschwungene Designeraxt ersetzt die hölzernen Zimmermannsarbeiten politischer Aktualisierung und ganze Regalmeter von Frisch-Aktenordnern.

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