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„Dantons Tod“ in Karlsruhe : Die Oper rettet die Kinder der Revolution

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Wo Guillotinen wüten, hat Liebe keinen Platz: Diana Tomsche als Lucile Bild: dpa

In Karlsruhe wird Gottfried von Einems Oper „Dantons Tod“ als Uraufführung Wolfgang Rihms Komposition „Eine Straße, Lucile“ vorangestellt. Der Wahnsinn der Figuren wird dadurch noch bedrängender.

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          In Georg Büchners Drama „Dantons Tod“ spricht ein anonymer „Herr“ aus dem Volk den Satz „Ja, die Erde ist eine dünne Kruste, ich meine immer, ich könnte durchfallen, wo so ein Loch ist“. Als der österreichische Komponist Gottfried von Einem, Jahrgang 1918, den Entschluss fasste, Büchners viel gespieltes Stück für eine Oper zu adaptieren, mag ihn vielleicht ein ähnliches Gefühl überfallen haben: Im Kriegsjahr 1944 schien die Kruste nicht nur immer dünner zu werden, sondern auch immer löcheriger. Da fielen unzählige Menschen in dunkle Abgründe, aus denen sie nie wiederkehrten. Ob der damals fünfundzwanzig Jahre alte Komponist es so empfand, weiß man nicht genau, aber Künstler besitzen ja oft ein feines Gespür für bevorstehende Katastrophen.

          Als Gottfried von Einems Oper dann 1947 bei den Salzburger Festspielen ihre Uraufführung erlebte (Dirigent: Ference Fricsay, Regie: Oscar Fritz Schuh, Danton: Paul Schöffler, Lucile: Maria Cebotari), konnte man das Werk auch als geheime Aufforderung zu einem Volksaufstand verstehen. Aber da war der politische „Tausendjährige“ Spuk ja schon selbst ins „Loch durchgefallen“. Also blieb die Entdeckung eines neuen Opernkomponisten, der schon bei der Salzburger Premiere eher retrospektiv auf den Spuren eines Puccini und, im Energisch-Rhythmischen, eines Strawinsky wandelte, manchen Instrumenten in Zwischenspielen hochvirtuose Passagen spendierte und vor allem dem Chor wuchtige Auftritte verschaffte, während die Solopartien meist eher weniger musikalisch und vokal charakterisiert erschienen. Gleichwohl entstand seinerzeit, auch in den Folgeaufführungen an weiteren Opernbühnen, der Eindruck, einer „modernen Oper“ begegnet zu sein.

          Saal verwandelt sich in eine Anatomie

          Dass von Einems Opern nach langer Pause auf unseren Musiktheatern hier und da wieder erscheinen - das Theater in Gießen zeigte kürzlich seine Dürrenmatt-Oper „Der Besuch der alten Dame“ -, mag an den Stoffen liegen, die sie behandeln. Französische Revolution ist unverändert ein spannendes Thema: Welche Mechanismen bringen Revolutionen hervor, nach welchen verlaufen sie, oft und ungern, in die entgegengesetzte als die intendierte Richtung. Und: warum muss es so sein? Liegt es ganz einfach am Menschen selbst, seinem jeweiligen Ego, das nicht anders kann?

          Auf solche Fragen gibt Gottfried von Einems Werk wenig Antworten. Und auch die neue Karlsruher Inszenierung Alexander Schulins findet darauf keine. Fleißig lässt sie mit Bettina Meyers Bühnenbild einen rotierenden Rundbau immer wieder veränderte Räume und Perspektiven auf Figuren und Aktionen öffnen. Man könnte meinen, man wohnte in einem Hörsaal einer Bildervorlesung über das Funktionieren - oder auch: Nichtfunktionieren - einer Revolution bei. Am Ende verwandelt sich der Saal, in dem keine Guillotine zu erblicken ist, in eine Anatomie: Die beiden Henker waschen die kopflosen Styroporleichenkörper der Hingerichteten sorgfältig ab. Etwas Grand Guignol kann nicht schaden.

          Flucht in den Wahn

          Im Übrigen kann das Werk, eben der Chorszenen wegen, durchaus noch szenisch Effekt erzeugen, im Gestus einer guten alten „Dampfoper“, vorausgesetzt, es wird gut musiziert und gesungen. Das kann man der Karlsruher Aufführung ohne Einschränkungen attestieren. Unter Jochen Hostenbach spielt das Orchester aufmerksam, mit viel Klangfarbe und dynamischen Differenzierungen. Stefan Stoll als Danton und Bernhard Berchtold als Desmoulins ragen aus dem gleichwertig besetzten Ensemble hervor. Vor allem aber leistet der Opernchor von Ulrich Wagner Bewundernswertes.

          Mit dem „Danton“ gab sich Karlsruhes Operndramaturgie nicht zufrieden: Ein Vorspiel musste es sein und von keinem Geringeren komponiert als vom Karlsruher Bürger Wolfgang Rihm. Ihn interessierte besonders die Gestalt der Lucile, der jungen Gattin des verurteilten Desmoulins. Sie ist über die Geschehnisse wahnsinnig geworden, aber im Wahn gewinnt sie Klarsicht über alles, den Irrsinn, den Schmerz, das Unrecht, das Menschen dem Menschen zufügen können.

          Studie menschlicher Verlassenheit

          Rihms Musik dringt mit feinen Klängen weniger in den Wahnsinn als in die Seele der Lucile ein: Die Musik öffnet hier den Blick von außen nach innen. Und drei kleine Trommeln grundieren an bestimmten Stellen suggestiv das Klanggeschehen: als die ferne Welt, in der Marschrhythmen verhängnisvoll die Menschen in Büchners dunkles „Loch“ begleiten. Diana Tomsche schien sich in Karlsruhe vollständig mit Rihms „Lucile“ zu identifizieren. So lieferte sie musikalisch, aber auch schauspielerisch eine bedrängende, ergreifende Studie menschlicher Verlassenheit, der angesichts einer aus allen Fugen geratenen Welt nur noch die Flucht in den Wahn bleibt.

          Es gäbe noch viele Opern und interessante Figuren, die zum Vorspiel werden könnten. Wolfgangs Rihms Elektra im „Gehege“ hat seinerzeit den Beginn markiert. „Eine Straße, Lucile?“ - so der Titel der Karlsruher Lucile-Interpretation - ist eine wunderbare Fortsetzung geworden.

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