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„Samson et Dalila“ in Berlin : Es ist dein Gott, auf den ich neidisch bin

Ein lebendes Bild, zuckend vor Lust, als hätte Hans Makart es gemalt: das Bacchanal im dritten Akt mit Tänzerinnen und Chor der Berliner Staatsoper. Bild: Marcus Lieberenz

Auch wenn Aktualisierungsspießer buhen: Daniel Barenboim und Damián Szifron deuten an der Staatsoper in Berlin „Samson et Dalila“ von Camille Saint-Saëns vorzüglich als klingende Theologie und Psychologie.

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          Die Philister sind überall und saugen sich mit ihren Sitzorganen fest in dieser Welt. Robert Schumanns „Marsch der Davidsbündler gegen die Philister“ – Marcel Reich-Ranicki nannte ihn die „Hymne der Kritik“ – konnte ihnen auch nicht die Sessel unterm Hintern wegtreten. Bei der Premiere von „Samson et Dalila“ an der Berliner Staatsoper Unter den Linden sind natürlich viele Philister im biblischen Sinne, also die vorchristlichen Feinde des Volkes Israel, auf der Bühne. Tomasz Kajdański hat für sie, den umwerfenden Staatsopernchor und einige Tänzerinnen, eine Choreographie zuckender Lust an der Ermordung mehrerer Juden ersonnen, von Olaf Freese ausgeleuchtet wie ein Gemälde von Hans Makart. Aber dann melden sich die Philister im Saal und buhen mit Vehemenz den Regisseur Damián Szifron beim Schlussapplaus nieder, vermutlich nicht nur, weil der echte Wolfshund am Anfang den richtigen Weg von der Bühne nicht gefunden hatte und der tote Stier, den Samson hereinzog, in der Gasse verklemmt war. Nein, sie buhen vor allem, weil ihnen die historisierende Sandalenfilmästhetik der Kostüme von Gesine Völlm und der Bühne von Étienne Pluss zu altmodisch war.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          So wie es bei Festivals für Neue Musik inzwischen Avantgardespießer gibt, die buhen, sobald ein Durdreiklang zu hören ist, ohne sich zu fragen, was damit gemacht oder gesagt wird, so gibt es offenbar jetzt auch im Theater die Gattung der Aktualisierungsspießer, die sofort buhen, wenn ihre zuckende Lust nicht durch die Schlüsselreize der Heutigkeit gestillt wird: echte Flüchtlinge, echte Elendskinder, Hitlergrüße. Daniel Barenboim, der diese Aufführung leitet, geht allein mit dem Regisseur vor den Vorhang und trotzt der Ablehnung. Er selbst hatte Szifron überredet, als Opernregisseur zu debütieren, nachdem er 2014 dessen Film „Relatos salvajes“ gesehen hatte.

          Szifrons Inszenierung, deren realistisches Kolorit zwar manchmal komisch wirken kann, zeugt gleichwohl von genauem Lesen und Hören. Er hat bemerkt, dass Camille Saint-Saëns schon den Eröffnungschor der Israeliten, die sich in Gefangenschaft befinden, gestaltet wie eine Choralphantasie für Orgel nach dem Vorbild Johann Sebastian Bachs (Saint-Saëns war Kirchenorganist in Paris). Er hat bemerkt, dass der Männerchor mit dem alten Hebräer Formen der Psalmodie im Gregorianischen Choral aufgreift. Und er hat bemerkt, dass das Libretto im dritten Akt, bei der Demütigung Samsons, auf Jesu Gebet in Gethsemane anspielt: „Mit zu Tode betrübter Seele unterwerfe ich mich dir, Herr!“

          Vorwegnahme der Passion Jesu

          Also antwortet er als Regisseur auf die Christologie in der künstlerischen Aneignung dieses alttestamentlichen, jüdischen Stoffes: Es gibt eine Fußwaschung des Samson, es gibt eine Geißelung durch die Philister, und die Gethsemane-Anspielung klärt sich von selbst. Samsons Weg erscheint als Vorwegnahme der Passion Jesu, aber auch rückwirkend als Betonung der jüdischen Wurzeln des Christentums im Sinne des elften Kapitels im Römerbrief des Paulus.

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