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Ballett von Damien Jalet : Götter, Menschen und Dämonen

  • -Aktualisiert am

Menschwerdung als kollektiver Prozess: „Omphalos“ bedeutet im Griechischen Nabel der Welt, und im Hamburger Kampnagel-Theater ist er eine Satellitenschüssel, die mehr als einem Dutzend Tänzern Platz bietet. Bild: Daniel Lugo

Das Wesen mit dem goldenen Schnabelhelm: Die europäische Erstaufführung von Damien Jalets Ballett „Omphalos“ in Hamburg überschreitet die Grenze vom Physischen zum Metaphysischen.

          Seit vor einigen Jahren Anne Teresa de Keersmaeker klagte, Beyoncé hätte bei ihr abgeguckt – Aufstehen, rhythmisches Gehen, Sitzen, und das alles im Schulmädchenlook –, hat sich das Verhältnis von Popstars, Filmregisseuren und Marketing-Managern zum Bühnentanz zum Besseren verändert: Madonna will für ihre neue Tournee, wie Thom Yorke auch, einen Theater-, keinen Show-Choreographen. Ralph Fiennes hat ein phantastisches Biopic über Rudolf Nurejew gedreht, das Tanz und Politik und die zeithistorischen Zusammenhänge zwischen ihnen gleichermaßen intelligent verhandelt: „The White Crow“ kommt im September in die deutschen Kinos. Dior wirbt mit Tänzerinnen der Pariser Oper und gibt Accessoires den Beititel „Ballet“. Der Choreograph, mit dem Beyoncé schließlich im vergangenen Jahr zusammenarbeitete, heißt Sidi Larbi Cherkaoui, Belgier der nächsten Generation nach Keersmaeker. Das sind nur einige aktuelle Beispiele.

          Die Digitalisierung in Industrie, Kunst, Film und Werbung schärft die Aufmerksamkeit nicht nur für das menschliche Bewusstsein, sondern auch für die erstaunlichen Features des menschlichen Körpers. Diese zweite Generation von zeitgenössischen Choreographen ihrerseits wirkt aufgeschlossener gegenüber Einladungen der Unterhaltungsindustrie und wird von dieser auch eher als cool und im Besitz von vermarktbarem Können begriffen. Die Generation kann das auch, weil auf ihr nicht mehr das Gewicht lastet, dass die Pina Bauschs, Alain Platels, die Keersmaekers und Forsythes tragen mussten, nämlich den zeitgenössischen Tanz erst durchzusetzen und berühmt zu machen.

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          In gewisser Weise führt Cherkaoui das Arbeiten mit Popstars zurück zu seinen Anfängen, denn nachdem er „Fame“ sah, brachte er sich als Jugendlicher das Tanzen mit Musikclips von Madonna und Michael Jackson bei. Das Gleiche gilt für seinen Freund und Co-Choreographen Damien Jalet aus Brüssel. Beide lernten sich kennen, als sie bei Alan Platels „Les Ballets C de la B“ 2000 Cherkaouis Stück „Rien de rien“ erarbeiteten. Die Werklisten der beiden Choreographen führen inzwischen verschiedene Zusammenarbeiten auf. Ihr gemeinsames Stück „Babel“ von 2010 in einem Bühnenbild des britischen Künstlers Antony Gormley tourte weltweit und wurde 2016 in einer Langfassung beim Festival von Avignon aufs Neue gefeiert. Zusammen schufen sie 2013 eine neue Choreographie zu Maurice Ravels „Bolero“, in Gespensterkostümen von Givenchy-Designer Riccardo Tisci und einem Spiegel-Bühnenbild von Marina Abramovic. Diese beiden Arbeiten stehen ganz oben auf der Liste der zehn besten zeitgenössischen Stücke des neuen Jahrtausends. Interessanterweise werden Cherkaoui und Jalet häufig durch die Traditionen anderer Tanzkulturen inspiriert, aber sie bringen diese Eindrücke ganzheitlicher in ihre Werke ein und weniger anekdotisch, wie Bausch das tat.

          Damien Jalet ist stärker an geerdeten, repetitiven, mitunter wie rituellen Tänzen gelegen. Wie kein anderer hat er sich mit Mythen und Riten des Übergangs vom Physischen zum Metaphysischen befasst. Darum gab seine Choreographie für das Horror-Remake „Suspiria“ mit Tilda Swinton dem Film so etwas reell Erdenschweres, das den Horror perfekt illustrierte und dem Überspannten, Angestaubten des Films Gegenwartsbezug verlieh.

          Gleichfalls für ein zeitgenössisches Ensemble geschaffen, nämlich für das einzige in Mexiko, ist Jalets neue Bühnenchoreographie „Omphalos“, dessen europäische Erstaufführung das Hamburger Kampnagel-Theater zeigte. Auf der Bühne von Halle 6 steht raumfüllend ein großes Gerüst mit etwas, das wie eine Weltraumantenne aussieht. Die Innenseite dieser hausgroßen Satellitenschüssel ist tatsächlich die Spielfläche von „Omphalos“, und sie ist so groß, dass zwanzig Tänzer auf ihr Platz finden. Nabel der Welt bedeutet der griechische Titel. In den Tempel des Apoll fiel der Stein, genau an der Stelle, an der sich von Zeus entsandte Adler trafen, um die Mitte der Welt zu markieren. Hier sind Himmel, Erde und Unterwelt verbunden. Ein Mythos, in dem es um Vermischung und Trennung geht, von Göttlichem, Menschlichem und Dämonischem, über die Zeiten hinweg.

          Zu der elektronischen Musik von Ryuichi Sakamoto und Marihiko Hara, die an John Cage erinnert, lassen auf der drehenden Weltraumantenne vier glitzernde, mit goldenen Schnabelhelmen ausgestattete, zweibeibeinige Adler-Götter viele larvenartig gekleidete Wesen aus der Mitte der Schüssel hervor klettern. In einer hypnotischen Stunde entwickeln sich aus diesen Wesen Menschen, die ihren Platz auf der Schräge zu behaupten wissen, bis die Vogelgötter ihnen bedeuten, dass ihre Zeit gekommen ist. Wie schon in seinen Arbeiten mit dem Bildenden Künstler Jim Hodges ist das kluge, kraftvolle, mythisch aufgeladene Körperspiel auf einer die Instabilität und seltsame metaphysische Schräglage menschlicher Existenz betonenden Bühne befremdlich schön und beängstigend wahrhaftig.

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