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Dagmar Manzel singt Friedrich Hollaender : Sie ist von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt

Bild: Daniel Breuer

Brillant: Dagmar Manzel singt die Lieder von Friedrich Hollaender nicht wie in den zwanziger, vierziger oder sechziger Jahren, sondern als Frau von heute.

          Lippenleckend wie auf dem Sprung zum Kühlschrank - schnell noch ein Stück Salami! -, singt Dagmar Manzel die letzte Zeile: „Denn sobald ich gar zu glücklich wär’, hätt’ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“ Ein Schwermutsvielfraß erliegt der Heißhungerattacke. Damit ist schon alles gesagt: Wir haben uns heute eingerichtet in der Melancholie Friedrich Hollaenders; diese Texte, diese Melodien sind kulinarisch geworden, eingespeist in den allgemeinen Warenverkehr - die CD kommt am Valentinstag auf den Markt. Und doch: Es ändert nichts daran, dass uns oft unentrinnbar mies zumute ist.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Genau deshalb gelingt dieser Abend in der Komischen Oper Berlin von Kopf bis Fuß so bonfortionös. „Menschenskind - Dagmar Manzel singt Lieder von Friedrich Hollaender“ versetzt uns nicht in die zwanziger, vierziger oder sechziger Jahre zurück, sondern Manzel singt das alles als Frau von heute. Sie braucht weder die Gossenköterbissigkeit einer sozial empörten Rinnsteinlyrik, noch das Divengetue jener strategischen Erotik, mit der frühere Frauen aus ökonomischer Abstiegsangst ihren Preis hochtrieben. All die politischen, sozialen und sexuellen Umwälzungen der vergangenen neunzig Jahre sind in Manzels Stil eingegangen. Sie singt Hollaenders Lieder als Frau, die kein Verhältnis eingeht, das sie nicht völlig durchschaut hat. Und sie geht es sogar dann ein, wenn es falsch ist, solange sich kein richtiges findet. Denn das gibt es ohnehin kaum, jedenfalls im Leben nicht, nur in der kritischen Theorie.

          Einmal nur wird sie zum Biest

          Den zuckersüßen Engelkitsch in „Currendemädchen“ kehrt sie hervor, ohne ihn bloßzustellen, eben weil er aus der Not geboren ist. „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ markiert den Unterschied von Hollaender zu Brecht: Manzel erstattet in den Strophen kühl Bericht und legt dann im Refrain den Schalter um auf Totalidentifikation. Hier geht beides: epische Distanz und Einfühlung, Denken und Weinen. Man muss nicht blöd sein, um sentimental zu werden. Hollaender selbst hat das so angelegt. Seine Schlager aus dem Film „Eine auswärtige Affäre“, der 1948 in den Ruinen von Berlin spielt, sind nicht mit den Reißzwecken des Kabaretts gespickt, sondern - im Begreifen einer Tragödie, die sogar ihn, den jüdischen Exilanten, nicht kaltließ - reine musikalische Wundsalbe. Die neuen Arrangements von Joachim Schmeißer, die das Orchester der Komischen Oper unter der Leitung von Michael Abramovich mit stilsicherer Geschmeidigkeit spielt, verstärken noch die morphinöse Wirkung. Hier werden wie beim Trödler gebrauchte Illusionen zum Verkauf angeboten.

          Es sind Klassiker des Kabaretts dabei über die Macken von Großstadtneurotikern. Unverklemmt, aber nicht grob steuert Manzel in der „Kleptomanin“ auf die zotige Pointe zu, wenn nach der letzten Strophe der Refrain trotz gleicher Worte die Bedeutung ändert: „Ich kann nicht sehen, wenn wo was steht. Das muss ich haben.“ „Das Nachtgespenst“, jene Nestfluchtzwangshandlung eines Regierungsrats, der als Frauenschreck in fremde Wohnungen steigt, weil er es mit der eigenen Gattin nicht aushält, hatte Kurt Gerron 1929 mit der Gutmütigkeit eines väterlichen Ohrläppchenzwickers gesungen. Dagmar Manzel nutzt hier die Gelegenheit, um einmal - ja, einmal nur! - zum Biest zu werden und macht eine ulkige Horrornummer daraus: Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt das Manzel-Monster auch zu dir!

          „Circe“ aus der Wirtschaftswunderrevue „Futschikato“ ist ein Juwel von bildungssprachlichem Unfug, worin sich „Heuss“ auf „Zeus“ reimt bis hin zu dem Kalauer „In der Circe liegt die Würze“. Musik als organisiertes Timing von reimend gedrechselten Pointen - das war die Kunst von Hollaender, Rudolf Nelson und Mischa Spoliansky. Und sie funkelt noch immer, auch unter andern Zeitumständen. Ein Meister des musikalischen Timings aber sitzt an diesem Abend am Klavier: Michael Abramovich, der manchmal die Virtuosität eines Liszt-Spielers aus dem schwarzen Ärmel schüttelt, manchmal mit cool gelüpfter Augenbraue ganz La Manzel die Show überlässt, um dann punktgenau doch einen eigenen Akzent zu setzen oder delikate Jazzsynkopen in den Walzer „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ zu tupfen. „Ich kann halt lieben nur und sonst gar nichts“, singt Dagmar Manzel dazu - nicht als Anmache wie Marlene Dietrich, sondern als nüchterne Einsicht, dass sie fürs Leben ein wenig zu einseitig begabt sei. Und sie nimmt es hin. Unnachahmlich!

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