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Cranko-Festival : Die schwere Erbschaft einer Wunderzeit

  • -Aktualisiert am
„Nacht”: John Neumeiers Choreographie zu Ehren Crankos
          4 Min.

          Stuttgart ist für die Erinnerung an seinen 1973 verstorbenen Ballettdirektor John Cranko das geworden, was Bayreuth für Richard Wagner darstellt: eine Art ästhetischer Ursprungsort, ein heiliger Gral der Verehrer, der Quell, aus dem der Geist des Originals aufsteigt. Die Wunderjahre des Stuttgarter Balletts sind diejenigen Crankos gewesen.

          Nach Stuttgart kamen Ballettbesucher auch jetzt wieder in Scharen, um im Rahmen eines Cranko-Festivals dessen drei berühmteste Handlungsballette, Puschkins „Onegin“, Shakespeares „Romeo und Julia“ und „Der Widerspenstigen Zähmung“ am Originalschauplatz zu erleben. Dort, wo während zwölf stürmischer Jahre Marcia Haydée zur großen Protagonistin heranreifte, wo aus der anfangs sechzehnjährigen Birgit Keil eine der schönsten Tänzerinnen der Welt wurde, wo Egon Madsen als Mercutio starb, Ray Barra als Romeo, wo Richard Cragun Haydée bezwang und Vladimir Klos als Siegfried frenetischen Beifall erntete.

          Doch wer beim Festival genauer hinschaute, erkannte, dass Stuttgart solche Hoffnungen nicht länger erfüllen kann. Leichte Enttäuschung löste etwa die Jubiläumsvorstellung von „Onegin“ aus. Die Rolle der Tatjana tanzte als Gast Polina Semionova vom Staatsballett Berlin. Sie war nicht wirklich erschütternd als zurückgewiesener lesender Blaustrumpf und später als erwachsene Fürstin, sondern schlicht und liebenswert in ihrem Bemühen, es erst Onegin, dann ihrem Ehemann Gremin und eigentlich dem Publikum recht zu machen. Leider ging ihren Partnern das Rollenverständnis noch stärker ab.

          Eine hübsche Tänzerin wird hin- und hergeschleudert

          Jiri Jelinek verfehlt es, den Onegin zerrissen, todessehnsüchtig, arrogant, suspekt, verwöhnt und großstädtisch zu zeigen, er ist nicht verzweifelt am Ende, als er merkt, wie sehr er Tatjana in Wahrheit liebt und wie sinnlos und endgültig sein Verlust ist. Evan McKie als Lenski ist nicht der romantische Dichter und aufbrausende Gefühlsnarr, über den Puschkin so witzig spottet. Beide Tänzer sind bloß breitschultrig, glattgeföhnt und auf zwei bis drei schöne Mienen abonniert, von denen keine richtig passt. Katja Wünsche als Olga ist mal niedlich, dann wieder niedlich und schließlich niedlich - auch nicht gerade das, was die Rolle so alles beinhaltet, wenn man Puschkin - und mit ihm Cranko - fragt.

          Wie schlüssig eine Interpretation ist, zeigt sich spätestens im zweiten Akt, wenn Onegin, ebenso aus schierem Ennui wie aus teuflischem Hochmut, beginnt, Olga, der Schwester Tatjanas und Verlobten seines Freundes Lenski, den Kopf zu verdrehen. Alle vier müssen dabei so intensiv spielen, dass die Ahnung drohenden Unheils - Lenski wird Onegin zum Duell fordern und dabei sterben - in den Zuschauern aufsteigt wie eine nicht zu beruhigende Nervosität. In Stuttgart aber wird nur eine hübsche Tänzerin zwischen zwei Männern hin- und hergeschleudert.

          Eine geradezu belastende seelische Sensibilität

          Cranko hingegen hatte Puschkin gründlich studiert. Das zeichnete ihn neben seiner manchmal für ihn selbst und seine Freunde geradezu belastenden seelischen Sensibilität nämlich als Choreographen aus: Er war ein Leser, ein Kunstkenner und Musikliebhaber. Das mochte, wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, das Programm „Cranko Moves I“ belegen. Die auf Musik und Libretto von Bernd Alois Zimmermann beruhende Ballettkomödie „Présence“ wirft drei Darsteller abwechselnd in Supermann-Trikots und üppige Kostüme, die sie als Molly Bloom aus James Joyces „Ulysses“, Alfred Jarrys „Ubu Roi“ und Don Quixote ausweisen.

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