https://www.faz.net/-gqz-9vkxy

Jaroussky singt Schubert : Wo ist die Ruh?

  • -Aktualisiert am

Interessiert sich nicht nur für Barock: Philippe Jaroussky Bild: obs/Simon Fowler

Der Countertenor Philippe Jaroussky gibt sich schon lange nicht mehr mit barockem Kastratenpartien zufrieden. Jetzt singt er zum ersten Mal Lieder von Franz Schubert. Sein Publikum begeistert er. Doch zuweilen gerät er an seine Grenzen.

          2 Min.

          Zwanzigjähriges Bühnenjubiläum feierte Philippe Jaroussky kürzlich, unter anderem mit einem CD-Album, das seine ähnlich lange Aufnahmetätigkeit Revue passieren lässt. Dass der französische Countertenor erst einundvierzig Jahre alt ist, könnte man über solcher Gedenkroutine, wie sie von den Plattenfirmen gepflegt wird, fast vergessen. Sorgen, dass es Jaroussky allmählich langweilig werden könnte, braucht man deshalb nicht zu haben, neben seinem angestammten Betätigungsfeld, der Barockmusik, erobert sich der Countertenor fleißig neue Stilbereiche. So entdeckte er die französische Liedmusik des 19. Jahrhunderts für sich, Werke von Claude Debussy, Maurice Ravel oder Reynaldo Hahn sang er mit funkelnder Farbkraft und tief poetischem Empfinden. Nun ist Franz Schubert an der Reihe und damit ein Komponist, an den sich immer wieder Countertenöre herangewagt haben – zuletzt etwa Xavier Sabata mit seiner Aufnahme der „Winterreise“ –, ohne aber so recht zu überzeugen, dass Schubert auch zur männlichen Falsettstimme passt. Und auch wenn Philippe Jaroussky nun in der Berliner Staatsoper verschiedene Lieder Franz Schuberts singt, bleiben Zweifel bestehen. Wobei nicht unterschlagen werden soll, dass Jaroussky vom Berliner Publikum per Akklamation den Ritterschlag als Schubert-Sänger erhält: Die Begeisterung ist groß, am Ende gibt es stehende Ovationen für den Franzosen und seinen Begleiter Jérôme Ducros.

          Tatsächlich gibt es auch Gutes zu berichten: Wie sicher und klar Jaroussky mit den deutschen Texten umgeht, in der Aussprache so nah an einer muttersprachlichen Praxis, dass als Ausreißer unmittelbar auffällt, wenn aus einem „Lächeln“ dann doch ein „Lecheln“ wird. Überhaupt nimmt die Hingabe für ihn ein, mit welcher der französische Countertenor Schuberts Musik singt: mit unbedingtem Ausdruckswillen und zugleich in einer disziplinierten Haltung, die die formale Kraft der Wiedergabe sicherstellt. Mit Jarousskys Intensität beginnt aber auch das Problematische. Sein Legato erzeugt der Sänger, indem er die Stimme zum Tonwechsel hin zusätzlich unter Druck setzt, meist verbunden mit einem Anschwellen der Lautstärke, dem nach Erreichen des Zielpunktes das Abschwellen folgt. Wie gezogen erscheinen Schuberts Melodien dadurch, künstlich unter Spannung gesetzt wie ein Gummiband. Auch bei einem Lied wie „Du bist die Ruh“ auf einen Text von Friedrich Rückert, erklärtermaßen ein Lieblingslied Jarousskys, mag sich ein Gefühl von Ruhe nicht einstellen. Unter der blanken Oberfläche lauert die Aufgeregtheit, die nur geweckt werden möchte. Das mag einem zeitgemäßen Lebensgefühl entsprechen, aber entspricht es auch Franz Schubert, der in seinen Liedern ein ums andere Mal die Empfindung weltferner Vereinsamung in Musik setzte? Solches Loslassen, in dem sich Verzweiflung mit Glücksempfinden seltsam mischt, findet sich in Jarousskys Gesang nicht, und wenn sich die Aufgeregtheit Bahn bricht wie im „Musensohn“, dann hat das fast eine Anmutung von flackernder Hysterie – und damit eine Tendenz zum ungewollt Komischen.

          Es stellen sich auch generelle Fragen der Stimmlage. Die „Gruppe aus dem Tartarus“ erscheint in der Fassung, die Jaroussky singt, als zu tief für seine Stimme. Kaum kann er sich in der bleichen Tönung dieser Lage gegen das Klavier behaupten. Ebenso stellen ihn die Spitzentöne der einzelnen Liedpartien immer wieder vor Probleme. Ein ums andere Mal rettet sich der Countertenor hier mit einer tiefen Intonation, die nicht selten die Schmerzgrenze überschreitet. Heikle Oktavaufschwünge, wie sie „Des Fischers Liebesglück“ durchziehen, erhalten eine groteske Schluckaufanmutung. Bleibt eine schmale Mittellage, in der Jaroussky mühelos und unangestrengt gestalten kann wie – ein seltener Fall – bei „Am Tag aller Seelen“, das ihm in anrührender Schlichtheit gelingt. Für einen ganzen Liederabend ist das aber doch ein bisschen wenig.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.