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Italiens Theaterszene : „Ich möchte, dass wir die Ersten sind, die wieder öffnen“

Eine Schaustellerin auf einer Mauer bei einem Protest vor dem Teatro Argentina Bild: dpa

Der italienische Kulturbetrieb befindet sich im freien Fall. Nun weckt der Kulturminister in der Theaterszene neue Hoffnungen. Die Rede ist von Anfang April.

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          Die Glühbirnen, die den Schriftzug „Piccolo Teatro“ bilden und monatelang dunkel geblieben waren, erstrahlen hell. Die Tür des legendären Mailänder Theaters, das 1947 von Giorgio Strehler und Paolo Grassi gegründet wurde, ist weit geöffnet. Eintreten darf man jedoch nicht. Das hellerleuchtete Foyer bleibt verlassen an diesem Montagabend, an dem in ganz Italien Hunderte von Theaterhäusern abends ihre Lichter anschalteten und damit einem Aufruf der Schauspielervereinigung Unita folgten. Die vor wenigen Monaten gegründete Initiative hat es sich zum Ziel gesetzt, den Beruf des Schauspielers zu fördern und zu schützen. Ihre Protestaktion „Facciamo luce sul teatro!“ – „Bringen wir das Theater zum Leuchten!“ – sollte eine Einladung sein, den Blick auf die Misere der Theaterhäuser zu richten, die in der politischen und öffentlichen Agenda Italiens weitestgehend im Dunkeln bleibt.

          Karen Krüger
          (kkr), Feuilleton

          Sieht man von der kurzen zeitlichen Klammer des Sommers ab, sind die Theaterhäuser Italiens seit einem Jahr geschlossen. Die Branche befindet sich im freien Fall. Zufolge des italienischen Autoren- und Verlegerverbands Siae sind die öffentlichen Ausgaben für das Theater von über 485 Millionen Euro im Jahr 2019 auf 378 Millionen gesunken, die Besucherzahlen um fast 73 Prozent eingebrochen. Der Sektor zählt etwa 140.000 Beschäftigte, nur etwas mehr als 48.000 von ihnen erhalten staatliche Unterstützung. Es wird über die Impfkampagne, über geschlossene Schulen und die Zusammensetzung der neuen Regierung Draghi diskutiert. Einen Plan, wie es mit der Welt des Theaters, Kinos und der Musik weitergehen soll, gibt es bisher nicht.

          Große Erwartungen in der Kulturszene

          Doch etwas scheint in Bewegung gekommen zu sein. Die zuletzt immer lauter gewordenen Proteste und Appelle von Theatergrößen haben möglicherweise einen Anteil daran. Am Montag hat Kulturminister Dario Franceschini im „Corriere della Sera“ die baldige Wiedereröffnung der Spielstätten in Aussicht gestellt. Die Rede ist von Anfang April. Die Schließungen seien ein schmerzhafter, doch unvermeidbarer Schritt gewesen, sagte Franceschini gegenüber der Zeitung. Die Theater und Kinos in Frankreich, Deutschland, Großbritannien, Belgien und Portugal seien noch immer geschlossen. „Aber da Italien Italien ist, möchte ich, dass wir die Ersten sind, die wieder öffnen.“

          Bei dieser Formulierung stutzte man – Italien ist noch immer vor allem das Land der Oper. Theater in Italien, das bedeutete vor der Pandemie: eine vielfältige und komplizierte Szene, die in den vergangenen Jahren an vielen Fronten gegen Telenovelas und Netflix verloren hat; im Vergleich zu Deutschland geringere Subventionen erhielt sowie Theaterschulen betrieb, deren Abgänger kaum Engagements fanden und deshalb eigene Minitheater gründeten. Für freischaffende Künstler gibt es so gut wie keine sozialen Stoßdämpfer. Nun aber gibt es eine neue Regierung, und die Worte des Kulturministers wecken in der Kulturszene große Erwartungen.

          Die Gefahr „ein Erbe zu verlieren“

          Dass an ihrer Spitze mit Mario Draghi ein Ministerpräsident steht, der die Kultur wertschätzt, war schon bei dessen Rede kurz vor der Vertrauensabstimmung im Senat in der vergangenen Woche deutlich geworden. Niemals zuvor wurde bei diesem Anlass, den Italien schon oft erlebt hat, stärker auf die Kultur verwiesen. Draghi verwendete das Wort Kultur in seiner Rede sechsmal, zum Teil in bedeutenden Passagen.

          Er rief dazu auf, sich stärker um überlieferte Kunststätten und Traditionen zu bemühen und in die Kultur zu investieren. Er sprach von den starken, durch die Pandemie hervorgerufenen Belastungen des Kultursektors. Und dann sagte er die Worte, auf die Franceschini sich im „Corriere“ mit seiner Formulierung berief: Es bestehe die Gefahr, „ein Erbe zu verlieren, das den italienischen Geist und die Identität des Landes definiert“. Die schnellstmögliche Rückkehr zur Normalität müsse deshalb auch die Kultur in all ihren Formen betreffen, „weil sie für das Wachstum und das Wohlergehen des Landes wesentlich ist“.

          Als Kulturminister unter der Regierung Conte hatte Franceschini sich den Schließungen mit Verweis auf die Eindämmung der Pandemie mehr oder weniger widerstandslos gefügt. Die Sicherheit habe noch immer höchste Priorität, sagte er jetzt im „Corriere“, aber „wir haben in den vergangenen Monaten verstanden, dass die gefährlichsten Orte diejenigen sind, an denen man seine Maske abnimmt: Restaurants, Bars, Privathäuser“. In den Theatern und Kinos habe es schon bei der Wiedereröffnung im Sommer strenge Vorkehrungen gegeben, die sich als effizient erwiesen: Maske, Abstände, Händedesinfektion, Desinfizierung der Räumlichkeiten.

          In den Theatern ist die ganze Zeit über weitergearbeitet worden. Viele Künstler haben neue Formen entwickelt, um außerhalb der traditionellen Räume zu arbeiten. Jetzt liegt es an der Regierung, sie dorthin zurückzuführen. Das Theater ist traditionell ein Ort der Ruhe und Ordnung. Das Publikum weiß genau, wie man hier Regeln befolgt. Denn im Theater hat es sie schon immer gegeben – lange vor dem Ausbruch der Pandemie.

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