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Corinna Harfouch in Stuttgart : Böse Schwestern können auch lieb sein

  • -Aktualisiert am

Auf Angriffe gefasst: Corinna Harfouch als Blanche in „Was geschah mit Baby Jane?“ nach Robert Aldrichs Film, inszeniert von Christian Weise in Stuttgart Bild: Sonja Rothweiler

„Was geschah mit Baby Jane?“: Corinna Harfouch und Catherine Stoyan zeigen ein Schwestern-Duell im Stuttgarter Kammertheater. Die Aufführung gleicht einem altmodischen Happening.

          Seit Kain und Abel, Romulus und Remus und dem Märchen von Frau Holle hatte die Welt kein derart in Hassliebe verkralltes Geschwisterpaar mehr gesehen wie in Robert Aldrichs Film „Was geschah wirklich mit Baby Jane?“ (1962). Das Duell der beiden Schauspiel-Schwestern und die Abrechnung mit der Illusionsfabrik Hollywood gewannen noch an Brisanz durch die legendäre Fehde zwischen den Hauptdarstellerinnen.  

          Joan Crawford spielte Blanche Hudson, die Diva, die sich nach einem schweren Unfall aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat und von ihrer weniger erfolgreichen Schwester, dem Ex-Kinderstar Baby Jane, bis aufs Blut gequält wird.Bette Davis war auch im wirklichen Leben nicht gut auf ihre Rivalin zu sprechen. Die Crawford war für sie keine Schauspielerin, nur ein Filmstar mit Augenbrauen, hochmütig und „groß wie eine afrikanische Raupe“, und skandalösem Männerverschleiß („Sie schlief mit jedem männlichen Wesen außer Lassie“), und so eine durfte man schon mal lustvoll die Treppe hinunterwerfen. Auf dem Set sollen die Diven professionell miteinander umgegangen sein, aber die Rechnung des Produzenten ging auf: Alle wollten sehen, wie sich zwei „abgetakelte alte Schachteln“ an die Gurgel gingen. Noch Oskar Roehlers TV-Remake „Fahr zur Hölle, Schwester!“ vor zehn Jahren profitierte von der Spannung zwischen Hannelore Elsner und Iris Berben.

          In Stuttgart kommt es jetzt zu einem richtigen Familiengipfeltreffen im Theater. Corinna Harfouch und ihre Schwester Catherine Stoyan, die schon 2006 in Christian Weises „Herr Ritter von der traurigen Gestalt“ gemeinsam auf der Bühne standen, wollten wieder mal etwas zusammen machen, natürlich in Liebe und Sympathie, und da kam der alte Zickenzoff-Stoff gerade recht. Dass Harfouch, die ältere und berühmtere, ihrer kleinen Schwester den Vortritt lässt, ist großzügig, aber vielleicht doch keine gute Idee. Schlampenhaft schlurfend und keifend, macht Stoyan aus Baby Jane eine Bette Davis im Quadrat. Das ist herrliche Schmiere, unterhaltsames Borderline-Theater im viktorianisch verschachtelten Psycho-Haus, aber die abgründig-düsteren und tragischen Seiten des Stücks kommen doch zu kurz.

          Abschied mit Knicks

          Harfouch interpretiert die Blanche-Rolle zurückhaltender und vielschichtiger. Wo Crawford ganz die sanfte, heroisch duldende Märtyrerin ihres Ruhms war, ist sie die an Leib und Seele verkrüppelte Diva: damenhaft vornehm ans Bett und an ihre Erinnerungen gefesselt, aber auch eitel, vulgär, gönnerhaft herablassend und herrisch ungeduldig, wenn die kleine Schwester das Frühstück oder die Bettpfanne nicht rechtzeitig nach oben bringt. Selbst mit dem Kratzen und Beißen fängt die Ältere an: Harfouchs Blanche ist kein Opfer, sondern noch im Rollstuhl die überlegene Schauspielerin.

          Dass sie im zweiten Teil des Abends gefesselt und geknebelt in ihrem Bett schmort, gibt Stoyan Gelegenheit, ein Stockwerk tiefer ihr psychopathisches Werk nahezu ungehindert in Szene zu setzen. Sie nutzt die Lizenz zu wüstem Grimassieren, einem Hammermord an der Putzfrau und einem grotesken Comeback-Versuch mit Hilfe eines versoffenen Musikers. Sie trällert kindlich unschuldig und piepst wie der Kanarienvogel, dem sie brutal das Genick bricht. Aber wenn Baby Jane nach zwei Stunden ihrer sterbenden Schwester rüde das Wort abschneidet („Schluss mit dem Gebrabbel“) und sich mit einem mädchenhaften Knicks von ihrem unsichtbaren Publikum verabschiedet, hat sie unsere Geduld und unser Mitleid doch ziemlich erschöpft.

          Zwei Furien

          Das liegt freilich auch daran, dass Weise das Drehbuch fast eins zu eins umsetzt; sieht man einmal von der berühmten Endszene am Strand, ein paar zeitgemäßen Kraftwörtern („Jetzt halt mal deine Fresse“) und Seitenhieben gegen das Filmgeschäft ab. Kulissen, Kostüme, Dialoge, Licht, die Kronleuchter im Treppenhaus, die weißen Schleifchen im Strubbelhaar und selbst der herzförmige Schönheitsfleck in Baby Janes grellweiß geschminktem Gesicht: alles ist ganz wie im Film und wird durch Schmetterlingsbrillen, Kaugummi und Caprihosen noch fester in den sechziger Jahren verortet. Aber wo im Film die Wirklichkeit durch Kameraschwenks, Großaufnahmen, Blenden und Schnitte konstruiert und beschnitten wird, schleppt sich auf der Bühne Jane in voller Länge die Treppe hinunter ans Telefon. Weder das Leeren der Bettpfanne noch das Braten von Ratten bleibt dem Zuschauer erspart. Das doppelstöckige Bühnenbild ist so detailgetreu wie eine Puppenstube, und so wirken dann auch die Akteure wie Baby Janes Puppen.

          In Stuttgart haben zwei Schwestern, die offensichtlich einander zugetan sind, sich und dem scheidenden Intendanten Hasko Weber ein hübsches Abschiedsgeschenk gemacht: Sie spielen zwei Furien, aber ihr Erzähltheater ist mehr altmodisches Happening als wirklich furios, und so verpufft dann auch der Besetzungscoup. Wer wissen will, was wirklich mit Baby Jane geschah, sollte vielleicht ins Londoner Arts Theatre gehen, wo Anita Dobson und Greta Scacchi in Anton Burges Stück „Bette and Joan“ gerade einen böseren Blick hinter die Kulissen des Films werfen.

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