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Oper „Hoffmanns Erzählungen“ : Diese trügerische Lolitahaftigkeit

Prothesengöttin mit Assistentinnen: Kasseler Inszenierung der Offenbach-Oper „Hoffmanns Erzählungen“ Bild: Isabel Machado Rios

Die Frau als Fetisch, Puppe, Sängerin und Kurtisane: Claudia Bauer inszeniert „Contes d’Hoffmann“ von Jacques Offenbach in Kassel.

          3 Min.

          Der Anfang war schwierig. Das Staatstheater hat der Schauspielregisseurin Claudia Bauer eine erste Oper anvertraut und gleich eine der anspruchsvollsten. Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, hier im Französisch des Originals gesungen, ist ein erstaunliches Werk. Nicht nur musikalisch, weil ein Schlager auf den nächsten folgt und der Komponist das Bühnengeschehen mehr mit Monogrammen versieht als spiegelt oder ausdeutet. Die Handlung ist, anders als in der Oper des neunzehnten Jahrhunderts üblich, im neunzehnten Jahrhundert angesiedelt und kommentiert dessen Mythen des Alltags: die unheimliche Lust deutscher Studenten an Kollektivgesang und -besäufnis, die aufkommende Welt der Automaten und Prothesen, die Faszination der scheinbar aufgeklärten Welt durch Geister, Zauberei und das Böse – das häufigste Wort im Libretto Jules Barbiers ist „diable“ – und über allem die Schicksale der romantischen Liebe.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Die Frau als Fetisch, Puppe, Sängerin und Kurtisane. Offenbach lässt E. T. A. Hoffmann in der Wirklichkeit durchleiden, was er sich an Objekten seines Begehrens literarisch ausgedacht hatte. Das läuft auf eine Höchststrafe für den Dichter hinaus, auf drei Albträume, aus denen er kaum erwacht, sondern sich je nur im nächsten wiederfindet. Die Welt muss romantisiert werden, war die Devise von Hoffmanns Epoche, und Offenbach führt vor, wie sie dann aussieht. Die romantisierte Frau zeigt sich als lebloses Kunstobjekt, als an der Kunst verblutendes Mädchen und als intrigante Meisterin des gewerblichen Eros, die ihrem Kunden das Spiegelbild stiehlt.

          Debakel der Männerphantasien

          Claudia Bauer hat sich ganz auf diese Debakel der Männerphantasien konzen­triert. Deshalb war ihr Anfang schwierig. Denn im ersten Aufzug der Oper fehlt es fast ganz an einem weiblichen Objekt. Bei Offenbach spielt er in Hoffmanns Stammkneipe „Lutter und Wegner“ – bei Barbier „Luther“! –, die der Schriftsteller nächtlich frequentierte. Man kennt ihn dort, verlangt Geschichten von ihm, grölt gemeinsam mit ihm Spottlieder, in Musik und Text immer kurz davor, das Mobiliar zu zerschlagen. Bauer, ihr Bühnenbildner Andreas Auerbach und die Kostüme, die Vanessa Rust und Patricia Talacko durchweg sehr bunt entworfen haben, entromantisieren die Szene. Sie spielt jetzt in einer Bar, die an Edward Hoppers Bilder erinnert, farbig neonbeleuchtet, die Getränke werden in Plastikbechern gereicht, in denen meistens auch gar nichts drin ist. Ein Gelage nach dem Motto „Ein Tag ohne Wein ist wie ein Tag ohne Bier“ (Thomas Kapielski) wird so nicht daraus. Wie kann man eine Oper, die mit dem Satz „Je suis la bière“ beginnt, ohne volle Gläser inszenieren? Aus den Studenten sind nur mäßig trunkene Touristen geworden, die nichts Bedrohliches mehr haben, choreographisch recht unbeweglich sind und von denen schwer zu sehen ist, was sie zusammenhält oder mit dem sturzbesoffenen Dichter verbindet.

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