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„Luther“ in Bad Hersfeld : Dem Wutbürger wird hiermit fristlos gekündigt

  • -Aktualisiert am

Erol Sander als Papst Leo X. bei den Proben für die Uraufführung Bild: K. Lefebvre/Festspiele

In seiner Collage „Luther – der Anschlag“ zeigt Dieter Wedel in Bad Hersfeld, dass der Reformator kein Gutmensch war. Wie lief die Uraufführung nach dem Rausschmiss des Hauptdarstellers?

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          Martin Luther ist gefeuert – aber die Reformation findet trotzdem statt. Und zwar mit großem Aufwand in der gewaltigen Stiftsruine in Bad Hersfeld. Zwei Tage vor der Uraufführung seines Stücks „Martin Luther – der Anschlag“ am vergangenen Freitag hat Dieter Wedel, der Intendant der Bad Hersfelder Festspiele, seinen Hauptdarsteller Paulus Manker aus dem Ensemble geworfen und der Spielstätte verwiesen.

          Zwei Alphamännchen sind aneinandergeraten: hier der Starregisseur Wedel, der nach den Worten des gekränkten Burgschauspielers Manker im Stile eines nordkoreanischen Diktators wochenlang Angst und Schrecken verbreitet habe; da der exzentrische Austria-Kinski, wie Manker von der Boulevardpresse bezeichnet wurde, der, so wirft ihm Wedel vor, während der Probenzeit ein inakzeptables, beleidigendes, unberechenbares und provokantes Verhalten an den Tag gelegt habe, einschließlich einer Arbeitsverweigerung. Er hätte Manker schon viel früher kündigen müssen, ließ der Intendant am Premierenabend sein Publikum wissen.

          Ein Luther-Stück ohne Luther? Für den Regisseur Wedel war das Entschwinden seines Hauptdarstellers kein unüberwindliches Problem: Schließlich hatte er für seine Inszenierung gleich vier Luther aufgeboten: den selbstbewussten, den zweifelnden, den Reformator und nicht zuletzt den Wutbürger, den Manker verkörpern sollte. Der große Zerstörer und Reformator aus Wittenberg, so Wedels Überlegungen, sei ein derart in sich zerrissener Mann gewesen, dass ein einziger Schauspieler seine Persönlichkeit nicht wiedergeben könne.

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          Der Verlauf der Uraufführung hat freilich dieses Konzept des vierfachen Luthers in gewisser Weise widerlegt. Denn Christian Nickel, der den Reformator Luther spielen sollte, übernahm, um die Inszenierung nach Mankers Abgang zu retten, kurzerhand auch noch die Rolle des Wutbürgers Luther – und legte eine bravouröse Aufführung hin. Als Reformator ernst und streng auch sich selbst gegenüber, verwandelt er sich, nachdem der Papst in einer Bulle seine Lehren verurteilt hatte, zum ersten Mal in den bösartigen Luther, der das Kirchenoberhaupt in Rom als syphilitische Drecksau, Furzesel und verlogenen Scheißer beschimpft. Dieses Geifern von der Kanzel herunter nimmt ein Kameramann auf, die Großaufnahme von Nickels verzerrtem Gesicht sieht man auf zwei großen Bildschirmen links und rechts von der Mittelbühne.

          Diese elektronischen Leinwände spielen eine wichtige Rolle in der Hersfelder Inszenierung. Auf ihnen kündigt der Chefsprecher der Tagesschau Jan Hofer das große Wittenberger Drama an, und seine ARD-Moderatorenkollegin Mareile Höppner führt die Zuschauer in einer fiktiven History-Doku zu den historischen Schauplätzen nach Worms, nach Rom oder auf die Wartburg. Der Filmregisseur Wedel nutzt zudem die Mittel des elektronischen Mediums, um Details des Geschehens wie den Anschlag der 95 Thesen in Großaufnahmen dem Publikum nahezubringen. Auf der Bühne dagegen verzichtet er auf die großen Staatsakte, sondern lässt Luther und seine Entourage in eher intimen Szenen auftreten.

          Als Verneigung vor dem großen Reformator im gegenwärtigen Luther-Jahr kann man Wedels „Anschlag“ gewiss nicht bezeichnen. Sein Stück, das er auf der Grundlage der Luther-Dramen von John Osborne und John von Düffel eigens für Bad Hersfeld geschrieben beziehungsweise collagiert hat, ist ein Anschlag auf einen deutschen Helden und auch eine Attacke auf die Kirche, die sich in Luthers Nachfolge sieht.

          Luther kommt bei Wedel wahrlich nicht gut weg, als Autor und Regisseur lässt er dem Reformator seine schlimmen Sünden wie seine Obrigkeitshörigkeit, seine Erbarmungslosigkeit gegen die aufständischen Bauern, seine Judenfeindlichkeit, seine Rechthaberei und Selbstüberschätzung als Stimme Gottes nicht durchgehen. Im Gegenteil stellt er die dunklen Seiten dieses Gottesmannes so sehr in den Vordergrund, dass jener Luther, der dem Papst und dem Kaiser getrotzt und mit seinem Leben und Wirken die Entwicklung des bürgerlichen Individuums entscheidend befördert hat, fast untergeht.

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          Landauf, landab wird in diesem Jahr Luther auf der Bühne gefeiert, zum Beispiel bei den Gandersheimer Domfestspielen mit „Martin Luther und die Juden“ oder in Eisenach mit einem Luther-Musical. Die Bad Hersfelder Inszenierung hebt sich insofern ab, dass sie eine Art Staats-Aufführung ist. Denn der Bund bezuschusst nicht nur jährlich mit einem festen Betrag die dortigen Festspiele. Aus Berlin kommt in dieser Saison zusätzlich ein Sonderzufluss für Wedels aufwendige und teure Luther-Inszenierung nach Hersfeld. Das einst wichtigste Theaterfestival der frühen und mittleren Bundesrepublik soll nach dem Willen der Berliner und hessischen Politiker nämlich zu den Salzburger Festspielen des Nordens emporgefördert werden.

          Politische Rücksicht hat der Intendant und Regisseur deswegen nicht genommen: weder gegenüber der christlichen Regierungspartei noch gegenüber der evangelischen Kirche. Dafür hat er in seiner Inszenierung dem alten Adam jede Menge Zucker gegeben. Dem Publikum werden nicht nur Fernsehstars auf der Bühne geboten wie Erol Sander als Papst Leo X., Elisabeth Lanz als Katharina von Bora oder der als Kardinal Cajetan brillierende Robert Joseph Bartl. Sie werden auch von einem singenden Ensemble, einer Band, assoziativen Filmeinspielungen von Krieg, Zerstörung und Aufruhr, von Spezialeffekten wie der verfaulten Hand Ulrich von Huttens sowie großen Massenszenen bei Laune gehalten. Luther lebt auf großem Fuß in Bad Hersfeld, die Reformation nimmt dort einen Sommer lang ihren Lauf. Auch ohne Paulus Manker.

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