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Claudio Abbado in London : Wie man der Musik die Zunge löst

  • -Aktualisiert am

Der Zuhördirigent: Claudio Abbado und das Lucerne Festival Orchestra begeistern ganz London mit zwei Konzerten in der Royal Festival Hall.

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          Um zwei Uhr nachts - es ist der letzte Abend einer Tournee mit kräftezehrendem Programm, man hat bereits gemeinsam gegessen und sich ausführlich ausgetauscht - stehen die Musiker des Lucerne Festival Orchestra immer noch in kleinen, euphorisierten Grüppchen vor ihrem Hotel zusammen und reden sich die Köpfe heiß, um zu verarbeiten, was sich in diesen Konzerten ereignet hat.

          Welch ungeheure Intensität ihrem Musizieren durch Claudio Abbados dirigentische Präsenz von Aufführung zu Aufführung immer noch stärker zugewachsen sei. Wie sie über ihre Grenzen hinausgeschossen seien. Wie sie allesamt zu einem einzigen, filigranen musikalischen Organismus zu verschmelzen schienen. Und wie dieser hundertköpfige musikalische Seelenkörper mit der Doppelfugen-Apotheose am Ende von Anton Bruckners fünfter Symphonie plötzlich abzuheben und schier "den Himmel zu berühren" schien. Mit Dirigieren im landläufigen Verständnis habe das kaum noch etwas zu tun, versichert ein junger Trompeter in glühenden Tönen. Mit Schlagtechnik und Probenarbeit und geglückter gestischer Kommunikation allein sei das alles ja nicht zu erklären.

          Man muss wissen, dass Orchestermusiker normalerweise alles andere sind als metaphysische Schwärmer. Doch da stehen sie nun, die handverlesenen Musiker dieses von Abbado gegründeten Ausnahmeorchesters - ausgewiesene Solisten, exzellente Kammermusiker, langjährige Konzertmeister der renommiertesten Ensembles -, sinnieren über Aura und unerklärliche künstlerische Geheimnisse und können sich gar nicht mehr beruhigen vor lauter Glück. An so etwas Profanes wie Schlaf ist da gar nicht zu denken.

          Auch für die Kritikerin nicht. Denn ihr dringt die ohnehin unüberbrückbare Kluft zwischen der vieldeutigen Fülle des musikalischen Eindrucks und der Begrenztheit der nie hinreichenden Sprache mit ihren Worthülsen und "Erschlagwörtern" (wie Schönberg sie nannte) nach diesen Konzerten in der Royal Festival Hall schmerzlicher als sonst ins Bewusstsein.

          Da regt sich die Natur

          Um dem naheliegenden Missverständnis vorzubeugen: Der Grund hierfür liegt nicht in einer nebulös mysteriösen, also nur mehr atmosphärisch zu greifenden Qualität der Aufführungen, sondern geradezu in ihrem Gegenteil. Abbado löst der Musik in einem so elaborierten, luziden und befreiten Sinn die Zunge, dass ihr Ausdruck sich in einer unerhört präzisen Mehrdimensionalität entfalten kann.

          Bruckners fünfte Symphonie ist ein Werk voller erratischer Kontraste und energetischem Pneuma, in dem übermächtig gleißende Choralverheißungen und demütig flehende irdische Gesten oft blockhaft nebeneinandergestellt werden. Abbado aber begnügt sich nicht damit, die Dramatik des Werks durch scharfe dynamische und klangliche Kontraste sinnfällig zu machen, sondern er entlockt der Partitur eine feingliedrige, ungemein beredte motivische Stringenz, die man so an Bruckner selten wahrgenommen hat.

          Da regt sich nach dem ersten Choraleinsatz des Kopfsatzes plötzlich die Natur in zart aufblühenden Bläsergesten, während die Streicher mit jener alles durchdringenden, insistenten Sanftheit zu singen beginnen, wie sie nur diesem Dirigenten zu Gebote steht. Alles Dumpfe und Kantige löst sich zu einer solch bezwingenden Fluidität, dass selbst die brucknerschen Sequenzen - etwa der Coda des Kopfsatzes - nicht als eine sich in die Höhe schraubende Kraftmaschinerie wahrgenommen werden, sondern als dramatischer Zielpunkt einer Steigerung von existentieller Dringlichkeit.

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