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Claudia Roth über Mendelssohn : Haarsträubend hilflos

  • -Aktualisiert am

Claudia Roth Im Mendelssohn-Saal des Leipziger Gewandhauses am 31. Oktober 2022 Bild: Christian Kern

Felix Mendelssohn Bartholdy wird in Leipzig mit Sinn und Verstand geehrt. Nur Kulturministerin Claudia Roth verirrt sich rhetorisch ins Unredliche.

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          Der jähe, schmerzlich frühe Tod von Felix Mendelssohn Bartholdy im Alter von nur 38 Jahren jährt sich am Freitag zum 175. Mal. Die Stadt Leipzig, wo Mendelssohn starb und zuvor zwölf Jahre lang als Gewandhauskapellmeister wie als Gründer des ersten deutschen Konservatoriums gewirkt hatte, feiert das Andenken des Komponisten und Dirigenten. Und sie feiert zugleich das erste Vierteljahrhundert, seit Mendelssohns Sterbehaus in der Goldschmidtstraße als Museum zugänglich ist. Diese Mendelssohn-Festtage, künstlerisch exzellent konzipiert von der Pianistin Elena Bashkirova, offenbaren zum einen, welch einen Schatz wir in Mendelssohns Werk und seinem, von Kurt Masur geretteten, Sterbehaus haben, sie offenbaren aber zugleich eine haarsträubende Hilflosigkeit unserer heutigen politischen Klasse, sich zu Mendelssohn verbindlich und redlich zu äußern.

          Es lässt sich ja viel Gutes und Schönes über Mendelssohn sagen: dass er als einer der wenigen Deutschen Romantik und Rationalismus in ein nichtpolemisches Verhältnis zu setzen wusste; dass für ihn aufgeklärte Kultur und Religion einander nicht ausschlossen; dass er Kunstfertigkeit und Volkstümlichkeit verblüffend mühelos verband; dass seine satztechnische Präzision immer Räume für Ambivalenzen, Zwischentöne, auch Gefährdungen lässt; dass er die Professionalisierung der Musikerausbildung und die Institutionalisierung des Konzertwesens vorantrieb und damit die politische wie ökonomische Unabhängigkeit musikalischer Kunst abzusichern suchte; schließlich dass er in alledem unnachahmlich nobel blieb, wie Elena Bashkirova mit Recht betont. Nur kann man wohl in Zeiten von Inklusion, Teilhabegerechtigkeit, Klimaschutz und Umwegrentabilität damit keine Förderung der öffentlichen Hand mehr legitimieren. Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch zog es daher beim Festakt am Montag im Mendelssohn-Saal des Leipziger Gewandhauses vor, mit den Marketingparolen von der „Musikstadt Leipzig“ und Sachsen als dem „Land der Musik“ die förderliche Langzeitwirkung Mendelssohns auf den Tourismus zu würdigen. Geradlinig und ehrlich verkürzte sie also die Leistungen Mendelssohns auf deren heutige Wirtschaftlichkeit.

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