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„Maria Stuart“ in Mannheim : Nun endlich hat sie Raum auf dieser Erde

Gefangene unter der Kuppel von Schein und Konvention: Sophie Arbeiter und Lászlo Brank Breiding in der Mannheimer „Maria Stuart“. Bild: Hans Jörg Michel

Der große Bluff der Zuschreibung auf einem Schachbrett in Szene gesetzt: Claudia Bauer inszeniert „Maria Stuart“ bei den Schillertagen in Mannheim – mit mehr als zwei Königinnen.

          Sie haben sich nie getroffen, die beiden verfeindeten Königinnen Maria und Elisabeth. Die eine schottisch-katholisch, die andere englisch-protestantisch, beide mit Ansprüchen auf den Thron. Mitte des sechzehnten Jahrhunderts musste Maria Stuart nach England fliehen, nachdem sie unter Verdacht geraten war, ihren eigenen Ehemann ermordet haben zu lassen. Ihre Großtante und Konkurrentin ließ sie einkerkern, achtzehn Jahre verbrachte sie in verschiedenen englischen Schlössern und wartete auf ein Urteil. Schließlich wurde sie vom englischen Parlament schuldig gesprochen und auf Anordnung Elisabeths hingerichtet. Alle Bitten Marias um eine Unterredung von Angesicht zu Angesicht hatte sie ausgeschlagen. Sie wollte ihr nicht in die Augen schauen und dann womöglich zu blinzeln anfangen.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Bei Schiller, in seinem 1800 uraufgeführten, vom Aufbruchsgeist der Französischen Revolution durchbebten Königinnendrama „Maria Stuart“, treffen sie sich doch. „Ist es wirklich wahr, dass sie so schön ist?“ fragt die von Macht verhärmte Elisabeth ihre Berater zuvor besorgt. Denn während sie mit Disziplin und Enthaltsamkeit regiert, führt ihre Opponentin ein lustvolles Leben voller Leidenschaft und loser Liebe.

          Ihrer Schönheit verfallen die Männer, ihren angeblich schwachen Körper setzt diese Frau so ein, dass alle um sie herum schwach werden und sie stark. Bis zur Intrige eben, die sie von ihrem Thron vertreibt und zur bettelnden Bittstellerin macht bei ihrer ärgsten Feindin. Elisabeth reicht ihr nicht die Hand, streckt keinen Finger aus, um sie von ihrem tiefen Fall zu retten. Sie schaut Maria zwar in die Augen, bei Schiller, aber nur, um diesen kostbaren Moment der Rache zu genießen. Und um dann später, als die Beweislage doch zu dünn erscheint, zu behaupten, sie hätte das Urteil ja nur gezeichnet, nicht befohlen.

          Wo der Schein zuhause ist

          Die Mannheimer Inszenierung von Claudia Bauer, mit der die diesjährigen Schillertage eröffnen, lässt nicht wie sonst zwei Königinnen gegeneinander antreten, sondern stellt insgesamt acht variable Spielkörper – vier Wiedergängerinnen und vier Draufgänger – auf das von kleinen Garderoben umsäumte Schachbrett. Hin und wieder bilden sie Mannschaften, vier gegen vier, das Team Elisabeth gegen das Team Maria. Dann wieder wird Maria zur eigenen Amme oder zu ihrem Beichtvater, wandelt sich Elisabeth zum Doppelagenten Mortimer oder Berater Leicester.

          Die von Andreas Auerbach entworfenen Kostüme sind spektakulär: Der Grundschnitt zitiert historische Kleider der elisabethanischen Zeit mit ausgestopften Puffärmeln und Medici-Kragen, der sich fächerförmig um Schulter und Hals legt. Aber an die Stelle des Reifrocks hat Auerbach zwei eckige Auswülstungen gesetzt, die nach links und rechts spitz abstehen wie kleine Tragflächen. Wenn sich die acht Spieler powackelnd Küsschen geben links und rechts, dann rammen sie sich dabei gegenseitig ihre Spitzen in die Hüften.

          Was das bedeuten soll, ist klar: Am Hof herrscht so grenzenlose Unzuverlässigkeit, dass keine Bewegung ohne Vortäuschung, kein gesprochenes Wort ohne Hintergedanken bleibt. Maria durchschaut das doppelbödige Verhalten ihrer Feindin genau und weiß, dass sie „nicht wagen wird zu scheinen, was sie ist“. Denn da, wo es nur Schminktische, Schachbretter und Videoprojektionen zur Auswahl gibt, kann ja auch nur der Schein und nicht das Sein zu Hause sein. Da muss die berühmte Frage nach der Natur des Menschen – „Was ist der Mensch! Was ist das Glück der Erde!“ – klingen wie ein hohler Spruch auf dem Anrufbeantworter.

          Kalt und düster steht der Wahnsinn da

          Bauer will den großen Bluff der Zuschreibung in Szene setzen: Alles ist Schein, alles ist Konstruktion. Die Körper und Geschlechter wandeln sich mit den Worten, die gesprochen werden, die Bewusstseinsformen wechseln je nach Maskenart. Der Text ist das einzig Konstante. Er nimmt sich nicht wichtig an diesem Abend und wirkt doch in das lustige Kostümfest der königlichen Cyborgs hinein und darüber hinaus.

          Am Ende, wenn sich die phantastische Vassilissa Reznikoff als einzig wahre, weil eben todesbedrohte Maria herauskristallisiert und in ihrem Käfig von den feigen Opportunisten mit falschem Blut beworfen wird, dann bricht zuletzt doch alle Erfindung weg, und kalt und düster steht der Wahnsinn da. Elisabeths Ausruf nach der Henkersnachricht, „Jetzt endlich hab ich Raum auf dieser Erde“, wird hier von Maria gesprochen, mit zuckendem Gesicht, in kurzem Cocktailkleid. Denn sie hat am Ende als Einzige das Korsett des Standeslebens gesprengt und fühlt sich frei.

          Ob sie nun wirklich schuldig war oder nur das Bauernopfer in einem längst verlorenen Spiel – das interessiert sie nicht. Sie ist im rechten Glauben auf die Seite des Gewinns gewechselt, dorthin, wo keine weißen Clownsgesichter mehr den Anschein machen, als gäbe es nur List und keine Treue. „Wer kennt sich schon?“ Die Frage bleibt in Mannheim doch nicht rein rhetorisch – es gibt entscheidende Entdeckungen, auch wenn sie nicht erleichternd wirken mögen.

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