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Klavierfestival Ruhr : Falscher Glanz verschwindet in der Versenkung

Als könne es gar kein Ende haben: Claire Huangci spielt Schubert in Wuppertal. Bild: Peter Wieler

Vom Kampf über das Studium zur Andacht: Claire Huangci und Grigory Sokolov schließen in Wuppertal und Essen die ganze Welt der pianistischen Tätigkeit auf.

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          Ein Konzert ist ein öffentliches Ereignis. Für das Klavierkonzert gilt das in besonderer Weise. Die Figur des Virtuosen hat ein Ideal des Auftretens vor Publikum geprägt, an dem auch Personen aus anderen anspruchsvollen Berufen gemessen werden wie Manager, Politiker und Wissenschaftler, selbst wenn sie nur gelegentlich in Sälen um Applaus werben. An die Virtuosität knüpft sich freilich auch ein Verdacht: Das Können werde nur um des Vorführeffekts wegen vorgeführt. Ein merkwürdiger Vorbehalt. Man geht doch ins Konzert, um eine Vorführung zu erleben. Nicht nur die Virtuosen im übertragenen Sinne, die Kaesers, Söders und Nassehis, stehen unter kritischer Beobachtung selbst ihrer hingerissenen Anhänger. Diese Figur der charakterologischen Sozialkritik wird auch heute noch von der Praxis der Musikkritik beglaubigt. Ein Virtuose – das bleibt ein zwiespältiges Lob für einen Pianisten. Was sagt das über den Konzertbetrieb?

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Es kommt hier womöglich ein Unbehagen an der Öffentlichkeit als Betriebsvoraussetzung zum Ausdruck, ein Gefühl dafür, dass die Form des Konzerts ästhetische Kosten erzeugt. Überwältigung, Brillanz, das Staunen über die Technik: Begünstigen nicht schon die äußeren Bedingungen des Auftritts, angefangen mit der Verdunkelung des Saals, eine Konzentration auf solche Einseitigkeiten, also eine Art von Ablenkung? Mit der Klaviermusik assoziiert man auch Intimität. Die mit der Bauart des Tasteninstruments gegebene Deutlichkeit der Töne erlaubt unvermittelte Mitteilungen.

          Kann es sein, dass Grigory Sokolov, einer der größten Meister seines Faches, von einer kulturkritischen Skepsis gegenüber seinen Arbeitsumständen heimgesucht wird? Sokolov kommuniziert mit dem Publikum nur durch Konzerte. Die von ihm freigegebenen Plattenaufnahmen sind Konzertmitschnitte. In unseren Tagen ständiger Rufe nach Auffrischung des sogenannten Klassikangebots kultiviert er das Ritual mit stoischer Unverdrossenheit, ohne mit dem kleinsten Ironiesignal ein Bewusstsein dafür zu erkennen zu geben, dass es bedroht sein könnte. Vom Auftritt im Wortsinn, dem Betreten der Bühne, bis zur letzten Verbeugung wahrt er im Frack mit unverwandter Miene den Habitus der Würde.

          Es folgt ein Privatissimum

          Aber er hat das Ritual schon vor geraumer Zeit erweitert. Der Zugabenteil hat sich derart ausgewachsen, dass er das Ganze verändert. Auf den öffentlichen Teil folgt sozusagen ein Privatissimum. Der Hörer ist auf sich selbst zurückgeworfen, wird mit Stücken konfrontiert, auf die er sich nicht durch Programmheftlektüre vorbereiten konnte. Die Reihenfolge hat etwas Rhapsodisches, hier spricht der Künstler scheinbar persönlicher als in der auch durch ihn festgelegten Auswahl für die Plakate. Das Ritual im Ritual hat zwar auch zirzensische Züge entwickelt, aber das gehört zur Dialektik der Öffentlichkeit. Bei Sokolovs Rezital in der Essener Philharmonie, seinem dreiundzwanzigsten Auftritt in fünfzehn Jahren des Klavierfestivals Ruhr, hatte die Zugabenserie jetzt einen komplett anderen Charakter als der Rest des Programms.

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