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Christoph Waltz inszeniert „Rosenkavalier“ : Hollywood guckt durch den Feldstecher

Früher gab’s mehr Rüschen: Maria Bengtsson als Marschallin im Antwerpener „Rosenkavalier“. Bild: dpa

In Antwerpen gibt der Schauspieler Christoph Waltz sein Opernregiedebüt mit Richard Strauss’ „Rosenkavalier“. Der Erfolg ist programmiert - das liegt aber weniger an der Inszenierung.

          Aus dem Orchestergraben rumpelt Orgasmus-Musik. Täppisch, grobianisch, ungenau. Ganz ehrlich: Das klingt nicht nach der großen Liebe, eher nach einer Vergewaltigung. Erschrocken gucken wir einander an, schauen uns um auf dem Rang, im Parkett der Vlaamse Opera: Ja, klar, das Fernsehen ist da, viele Journalisten, auch Musiker, Sänger, Intendanten, Dramaturgen, Agenten, die halbe Opernwelt. Denn heute Abend gibt Quereinsteiger Christoph Waltz hier sein Debüt als Musiktheater-Regisseur.

          Eleonore Büning

          Redakteurin im Feuilleton.

          Viele sind angereist, von nah und fern, die sonst nicht mal der Oper, wegen nach Antwerpen kämen. Allein das macht diesen Tag zu einem Feiertag. Denn für diese kostspielige, von den Nichtopernliebhabern immer noch für verplüscht oder tuntig gehaltene Kunstform ist es enorm wichtig, wenn ein prominenter Opernliebhaber wie Waltz auf diese Weise Flagge zeigt. Vorerst ist freilich noch nicht viel davon zu sehen, der „Rosenkavalier“ von Richard Strauss hat, wie (fast) jede Oper ein Vorspiel, das dauert knapp vier Minuten, bei geschlossenem Vorhang, und der junge Chefdirigent der Vlaamse Opera, Dmitri Jurowski, schlägt so brutal zu, vom ersten Auftakt an, als wolle er das gute, alte Stück über Liebeslust und Liebesleid in Schutt und Asche legen.

          Aus dem Bilderbuch für Rosenkavaliere

          Wie eine schlechterzogene junge Dogge springt uns diese Wundermusik an. Das tut weh. Ein dröhnendes Fortississimo, mindestens vier oder fünf „f“, legt das Orchester vor. Und ist fortan nicht mehr steigerungsfähig, obwohl die Partitur das doch eigentlich vorsieht. „Durchaus parodistisch!“ sollte diese orgiastische Dynamik eigentlich ausfallen, mit geteilten Celli, in Wellen anschwellend, so schrieb es der Komponist perfiderweise in die Noten. Über den Unterschied zwischen Parodie und Kalauer hat Jurowksi offenbar nicht nachgedacht, auch nicht über den Unterschied zwischen „so laut wie möglich“ und „noch lauter“. Dann wird der Vorhang gelüpft, und das Waltz-Kammerspiel beginnt, fein ausgepinselt in Pianissimo und Altrosa, wozu der Jurowski-Krawall aus dem Graben im allerkrassesten Widerspruch steht.

          Unter den gierigen Blicken der Bediensteten: Warum Regisseur Waltz die Wände im Hintergrund transparent gestaltet, bleibt rätselhaft

          Ton in Ton, in altes, fernes Licht getaucht: So präsentiert sich das Schlafzimmer der schönen Marie-Therese. Und wie die Marschallin da blass in ihrem pastell-gemusterten Negligé vor ihrem pastellfarbenen Himmelbett steht, kann man sie kaum noch erkennen. Jawohl, ein Himmelbett! Eben krabbelt ihr Liebhaber heraus, der siebzehnjährige Graf Rofrano, junger Herr aus großem Haus. Dann wird gefrühstückt. Ein paar Stilmöbelchen mit geschwungenen Beinen hat Bühnenbildnerin Annette Murschetz dazu auf dem mattglänzenden Parkett geparkt, auch drei Tapetentüren in die klassizistisch gegliederten Wände eingelassen. Ein „Neger“-Kind hüpft, politisch inkorrekt, aber werktreu, herbei und bringt heiße Schokolade. Dann kommen vier Hündchen zum Lever, zwei Papageien, der Friseur, der Tenor, die drei Waisenmädchen; alles wie aus einem alten Rosenkavaliersbilderbuch.

          Nur ein halber Otto Schenk

          Auf den ersten Blick wirkt das wie eine Nostalgie-Party. So, als wolle Waltz die Erinnerung an die Wiener „Rosenkavalier“-Inszenierung von Otto Schenk noch mal hervorzaubern, nur dass er ein paar Rüschen abgeschnitten hat. Aber spätestens im zweiten Aufzug, wenn das gleiche Einheitsbühnenbild den Empfangssaal im Haus des neureichen Herrn von Faninal darstellt, wo Graf Rofrano der Bürgerstochter Sophie die silberne Rose und somit den Heiratsantrag seines fiesen alten Vetters, des Baron Ochs, zu überbringen hat, merkt man: Waltz ist nicht Schenk.

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