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Christoph Waltz inszeniert „Rosenkavalier“ : Hollywood guckt durch den Feldstecher

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Waltz ist nur der halbe Schenk. Weggelassen hat er nämlich nicht nur die Rüschen und im zweiten Akt auch die Wandpaneele, so dass man sehen kann, wie die Dienerschaft auf der Hinterbühne dekorativ hin- und herflitzt, in korrektem Mickey-Mousing zu den Aufgeregtheiten der Musik. Weggelassen hat er auch, was die Regiekünste der alten Garde auszeichnete, damals, vor dem nicht umkehrbaren Siegeszug des Regisseurstheaters: eine operngemäß raumgreifende Personenführung. Filigran und fast zu fein ziseliert sind die nur vom Close-Up im Fernsehen (oder vom Opernglas) erfassbaren Gesten, die Blicke, das Mienenspiel. Im Übrigen stehen oder sitzen die drei Frauen hauptsächlich herum, schön ausgeleuchtet, und verströmen sich: die Marschallin (Maria Bengtsson), Sophie (Christiane Karg) und Stella Doufexis in der Hosenrolle des Grafen Oktavian Rofrano.

Da bedarf es schon eines Fernglases: Für den Zuschauer ist das Mienenspiel der Protagonisten mit bloßem Auge nicht erkennbar
Da bedarf es schon eines Fernglases: Für den Zuschauer ist das Mienenspiel der Protagonisten mit bloßem Auge nicht erkennbar : Bild: dpa

Anfangs, in den Dialogen des Liebespaares vor und nach dem Lever, wirkt diese Statik noch sinnvoll. Der Monolog der Marschallin verlangt sogar danach, dass alle Uhren angehalten werden. Mit festlichem Ernst singt die Bengtsson diesen inneren Abschied, die Doufexis bringt in ihrer Ahnungslosigkeit zugleich eine springlebendige Bewegung in das Bild. Aber später erstarren viele der fein verhäkelten Waltzschen Tableaus zu purer Dekoration. Um die Ergriffenheit im Blick der Marschallin bemerken zu können, die, ihrem Schoßhündchen sicherheitshalber die Ohren zuhaltend, wie gebannt dem Liebeslied des Tenors (nicht ganz schlackenfrei: Nico Darmanin) lauscht, muss man schon durch den Feldstecher gucken. Um den Sänger zu hören, braucht man zusätzlich noch etwas Glück.

Vieles bleibt rätselhaft

Bekanntlich hat ein ausgewachsenes „Rosenkavalier“-Orchester, von den zweiundsechzig Streichern abgesehen, vierundzwanzig Bläser plus Celesta, Harfen, Schlagzeug. Mag sein, zu viel Musik für ein kleines Haus und für einen so stürmischen Dirigenten. Maria Bengtsson mit ihrem sonnenstarken Sopran, dem sie in der Höhe Glanzlichter aufstecken und der wie Glocken alles übertönen kann, kommt noch am ehesten klar damit, dass Jurowski das Symfonisch Orkest van de Vlaamse Opera nicht immer rechtzeitig heruntertunt. Die Männer haben es mit ihren Frequenzen da wieder einmal leichter: Michael Kraus (als sonorer Herr von Faninal) und Albert Pesendorfer (als tiefenstarker Ochs), aber auch Guy de Mey (als Valzacchi) singen beeindruckend gut und textdeutlich. Stella Doufexis aber mit ihrem fein dosierten Mezzo-Sopran leidet deutlich, als ein tapfer-blasser Zinnsoldat-Graf schlägt sie sich durchs Musikgeschehen und darf erst in den dünner instrumentierten Passagen der „Beisl“-Szene beweisen, welch wunderbare ausdruckskräftige Nuancen sie beherrscht, was für herrliche Glissandi sie singen kann. Und von dem süßen, seelenvollen, höhenstarken Sopran der Christiane Karg vernimmt man oft leider nur die Spitzentöne.

Überhaupt seltsam, wie puppenhaft eckig diese Sängerin, die doch sonst so hinreißend Leben und Wahrheit sprüht, dieses Mal agiert. Wie bestellt und nicht abgeholt wirken Sophie und Oktavian in der himmelstürmenden Finalszene. Durch die nunmehr transparenten Wände werden die beiden gierig beobachtet vom Restpersonal; das stürmt, als sie gegangen sind, die Bühne und balgt sich um das Taschentuch – ein Regie-Einfall, den wir ebenso wenig verstanden haben wie den, statt eines Degens einen Stiefel im Schlafzimmer liegen zu lassen. Es gab, trotz dieser kleinen persönlichen Waltz-Rätsel, großen Applaus in Antwerpen. Die Produktion wird weiterwandern nach Gent, Luxemburg und London.

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