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Christoph Schlingensief : Die 120 Tage von Bayreuth

  • -Aktualisiert am

Der neue Liebling von Bayreuth? Bild: dpa/dpaweb

Christoph Schlingensief ist ein Kraftwerk, das Bilder produziert. An diesem Wochenende haben seine Bilder von „Parsifal“ Premiere in Bayreuth. Seine Beziehung zu Wagner ist viel älter, sein ganzes junges Leben alt.

          Wagnerianer sind Lemminge. Sie treten in Scharen auf, schieben sich den Hügel hoch und stürzen sich gemeinsam in einen Abgrund, den nur sie kennen. Unten warten der trunkene Tod, ein wenig Erlösung und sehr viel Musik.

          Dann rappeln sie sich wieder auf, klopfen sich den Staub von den Kleidern, schreien ein bißchen Buh, denn der Meister mit der Mütze hätte das auf der Bühne alles ganz anders inszeniert, verlassen müde und zufrieden das Parkett und fahren wieder nach Hause, nach Sindelfingen, Tokio, München oder Nanterre.

          So soll es jedenfalls in den besseren Bayreuth-Momenten gewesen sein (gemeint ist damit fast immer das ferne Jahr 1976, als die meisten Chéreaus “Ring“ ablehnten, was aber nichts half, alle Welt erinnert sich besonders gern an den “Jahrhundert-Ring“); und so soll es auch heute abend sein, wenn irgendwann kurz nach zehn die Wolken über Bayreuth aufreißen und dieser strahlende Tor zum Applaus auf die Bühne tritt, halb Erfindung, halb Verblendung, und er wird weder die Erlösung gebracht haben noch die Verdammnis, dieser Christoph Schlingensief.

          Ums Verstehen geht es auch Wagner nicht

          Sie werden Buh rufen, weil sie denken, da habe sie einer ärgern wollen. Frau Merkel wird sich fragen, ob dafür die DDR untergehen mußte; Herr Gottschalk wird sich fragen, wann er wieder nach Amerika darf; die Kritiker werden sich fragen, was es zu fragen gibt.

          Und alle werden versuchen zu verstehen, obwohl es ums Verstehen bei Schlingensief gar nicht geht, das kann man mögen oder nicht; aber ums Verstehen geht es auch Wagner nicht, das kann mir keiner erzählen.

          Aber später, so funktioniert das mit dem Gedächtnis, werden sie sich alle wieder gern erinnern an diesen wüsten Sommer 2004, als Schlingensief und Wolfgang Wagner nur noch per Anwalt kommunizierten; als Schlingensief alles hinzuschmeißen drohte; als es um Videos ging und die Drehbühne; als täglich neue Gerüchte aus der Angstanstalt Bayreuth in den Zeitungen standen; als zwei Tage vor der Premiere sogar die Autobahn bei Bayreuth gesperrt werden mußte, um den Hagel wegzuräumen, der einen halben Meter hoch lag, all das schien da vom Himmel gekommen zu sein, was sich an Drohungen, Beschimpfungen und Verwünschungen aufgestaut hatte.

          Statt Robben sitzen da nun Wagnerianer

          Die Leute werden sich an diesen genialischen Brausekopf erinnern, der ihnen einen Film mit verwesenden Hasen zeigte und ein besonders dickes Mädchen mit großen Brüsten und der ganz andere Bilder nach Bayreuth bringen wollte: Bilder, die er nicht im Opernfundus gefunden hatte, sondern bei Beuys, bei Matthew Barney und David Lynch. Bilder, die er auf den Streifzügen gesammelt hat, die ihn mit Wagner durch die Welt getrieben haben, von Oberhausen nach New York und bis nach Namibia, wo er 1999 die Wüste mit Wagner beschallte - und wo damals Steine waren oder Sträucher oder sogar Robben, wie er sagt, da sitzen halt diesmal die Wagnerianer.

          Alle werden sich daran erinnern und manche sogar gern, nur sicher nicht Endrik Wottrich, der den Parsifal singen mußte, obwohl er gar nicht wollte, und der dem Regisseur am liebsten eine der Hanteln auf den Fuß geworfen hätte, mit denen Wottrich seinen wuchtigen Wagnerkörper trainiert.

          Alle haben sie noch einmal geredet, kurz vor Schluß, bevor der Schlingensief-Blitz vorbei war, nur Schlingensief nicht, der zum Kaffeetrinken aufs Land fuhr und mal mit dem Dirigenten Boulez telefonierte und ansonsten sagte, der dritte Akt sei der Hit, die Sache sei gut, “und ich will schweigen“.

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