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Marthaler-Inszenierung : Keiner kann so schön die Zeit dehnen wie er

  • -Aktualisiert am

Weitblick sieht anders aus: Szene aus Christoph Marthalers „Tiefer Schweb“ in München. Bild: Thomas Aurin

Lässige Ungeduld: Christoph Marthaler inszeniert seine phänomenale Verwaltungsrevue „Tiefer Schweb“ an den Münchner Kammerspielen.

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          Darauf hat das Münchner Kammerspielpublikum wohl lange gewartet. Endlich einmal kann es wieder aus vollem Herzen jubeln und pfeifen, Bravo brüllen und mit den Füßen aufs Parkett trommeln. Acht, neun, zehn Mal kommen die Schauspieler am Ende zum Verbeugen nach vorne, drei Mal mischt sich jener Mann unter sie, der diesen Abend verantwortet. Er, der dieser Stadt lange Zeit ferngeblieben und nun triumphal zurückgekehrt ist. 2002 hat Christoph Marthaler das letzte Mal in München inszeniert. Jetzt hat ihn Matthias Lilienthal – sein alter Vertrauter aus Volksbühnen-Zeiten – zurückgeholt. Und seinem Haus damit ein großes Glück beschert.

          „Tiefer Schweb“ ist ein Marthaler-Abend wie er im Buche steht. Voll sanftem Witz und unbeirrbarem Hang zur Rührung. Stets im richtigen Tonfall und Rhythmus vorgetragen. Man kann gar nicht anders, als die vielen gestischen und sprachspielerischen Übertreibungen zu lieben und sich einzulassen auf den surrealen Phantasiekosmos, der einem hier geboten wird.

          In einer Unterwasserkammer am tiefsten Punkt des Bodensees – im Volksmund „Tiefer Schweb“ genannt – tagt der „nationale Sicherheitsrat der vereinigten Bodenseeverwaltung“, ein geheim operierendes Fachgremium aus acht Ausschussmitgliedern, die sich mit der Bewältigung eines komplexen Problems beschäftigen müssen. So komplex ist es, dass es den Ausschussmitgliedern schwerfällt, genau zu beschreiben, worum es eigentlich geht. An der Oberfläche scheint eine Seuchengefahr zu drohen, das Seewasser ist mit Bakterien verschmutzt und eine schwimmende Dorflandschaft für außereuropäische Flüchtlinge auf dem See überlastet. Also sitzen die Ausschussmitglieder in 253 Metern Tiefe in ihrer „Klausurdruckkammer“ und versuchen aus einem „überstaatlichen Pflichtbewusstsein“ heraus Lösungen zu finden für all die schwerwiegenden Probleme über ihnen.

          Blumengrüße vom Bodensee: In der Amtsstube geht es herum und herum.

          Die Kammer ist im Stil einer Amtsstube des achtzehnten Jahrhunderts eingerichtet: Holzvertäfelung, schlichter Tisch mit Stühlen und in der Ecke ein seltsamer Kachelofen, aus dem es Briefe regnet und in dem Trachtenkleidung verbrannt wird. Die Verhandlung beginnt mit einer Aufzählung des Wortes „Bodensee“ in zwanzig verschiedenen Sprachen. Dann steigt ein Bote im Taucheranzug aus dem Ofen und berichtet im homerischen Duktus von den untragbaren Zuständen über Wasser. Als Antwort bläst sich das Plenum Luft in die Backen und murmelt altbewährte Zauberformeln der Bürokratie vor sich hin: „Zwischenergebnis“, „gewisser Handlungsbedarf“, „vollumfängliche Kompatibilität“ und: „Nicht zu vergessen: die Autonomierechte der Blumeninsel Mainau“. Ein Mitglied ruft anklagend „konkreter“, „konkreter“ dazwischen, ein anderes dankt der Gruppe für die eigene Aufmerksamkeit.

          Je länger der Abend dauert, desto nebensächlicher wird die Handlung. Löst sich die Geschichte in einzelne Szenen einer liebreizend leuchtenden Nummernrevue auf. Nach einer dreiviertel Stunde fährt die Holzvertäfelung zur Seite und gibt den Blick frei auf eine Batterie von Wasserkanistern. Duri Bischoff hat die Bühne im Thomas-Demand-Stil konzipiert – namenlose Serialität füllt den Raum. In ihm bewegen sich Marthalers Menschen mit außergewöhnlich feinem Gespür dafür, die Schwere ihres Schicksals leicht zu machen. Sie singen Volkslieder nach alter Weise, tanzen Schrittfolgen aus früherer Zeit und flechten hier und da ein paar Lebensweisheiten in ihr Geplapper ein. Schon nach zehn Minuten bekommt Annette Paulmann den ersten Szenenapplaus. Sie, die eine Freiwasserschwimmmeisterin mit silbernen Turnschuhen spielt, und Ueli Jäggi, Marthalers alter Begleiter, dominieren den Abend. Aber auch alle anderen Schauspieler leben unter Marthalers Regie auf. Sein altes Rezept, die Zaubermischung aus großzügiger Komik und gefasster Besinnlichkeit, wirkt erstaunlicherweise immer noch so wie früher. Jedenfalls hier.

          Bis zum Umfallen: Bei Christoph Marthaler herrscht auf der Bühne Bewegung.

          An diesem Abend, der sich nicht einlässt auf direkte politische Assoziationen („Ich bin ja eigentlich kein politischer Mensch“, wiederholt ein Ausschussmitglied als ceterum censeo und gibt sich damit als Alter Ego von Marthaler zu erkennen), sondern aktuelles Geschehen vielfach spiegelt und verfremdet. Ein Stacheldrahtzaun taucht genauso auf wie ein geflohener Bakteriologe aus „Illyrien“, aber nichts wird über die Andeutung hinaus konkretisiert. Es ist ein Theater, das die Gegenwart gewissermaßen mit jenem Schuss Phantasie auffüllt, der ihr in Wirklichkeit fehlt. Den sie aber nötig hat, um sinnlich begriffen zu werden. Dabei ist das Großartige bei Marthaler ja immer auch, dass man nie genau weiß, also im intellektuellen Sinne begreift, was das Einzelne wirklich bedeutet. Wenn das Ensemble plötzlich mit wohltemperierten Stimmen „Eine feste Burg ist unser Gott“ singt oder vierzehn Strophen von Paul Gerhardts wunderschönem Sommerlied „Geh aus mein Herz“ vorträgt – ist das ernstgemeint oder ironisch? Oder beides?

          Marthaler lässt uns darüber im Unklaren. Verstört und verzaubert gerade durch eine Poetik der Verschlüsselung, nicht der Transparenz. Man muss eine gewisse Distanz aushalten können, einmal nicht nach direkter Identifikation gieren, sonst hat man von diesem Abend nichts. Dann aber bietet er großartige, herzenskluge Unterhaltung, immer wieder unterbrochen durch glitzernde Lebenswahrheiten (die Texte sind geschrieben von Marthaler und dem Ensemble): „Es gibt zwei menschliche Hauptsünden, aus welchen sich alle anderen ableiten: Ungeduld und Lässigkeit. Wegen der Ungeduld sind wir aus dem Paradies vertrieben worden, wegen der Lässigkeit kehren wir nicht zurück.“ Oder: „Überleben ist ein Ignorieren von Widersprüchen.“ Mitten in einem solchen Satz fährt auf einmal wie von Geisterhand ein Akkordeon auf die Bühne und zwingt ein Ausschussmitglied zum Spielen. Überhaupt scheint im Laufe des Stücks alles Sprechen bald allein der Vorbereitung fürs Musizieren und Singen zu dienen. Eingehen in das Marthalersche Bildgedächtnis wird von diesem Abend vor allem der Anblick von vier Männern mit Pissoirbecken auf dem Kopf, durch dessen Abwasserlöcher ihr Jodelgesang wie aus weiter Ferne erklingt. Genauso wie das disharmonische Zusammenspiel dreier unterschiedlich großer Tretorgeln, die nacheinander auf die Bühne gerollt werden, um den jeweiligen Vorspieler zu übertönen.

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          Marthaler – der große Stimmungsarrangeur. Keiner kann so schön die Zeit dehnen wie er. Keiner erzählt mit so einfachen Mitteln von den Vergeblichkeiten des Daseins. Stellt unsere Kompromisse so zärtlich aus. Keinem verzeiht man auch das Überspannen des Bogens lieber als ihm. Diesem sanften, mutigen (nicht sanftmütigen) Erfinder einer eigenen Theatersprache. Am Ende, wenn seine Spieler noch einmal ein Tiroler Volkslied summen – „Fein sein/ Beinander bleiben“ –, liegt wieder jene typisch kluge Kindlichkeit in der Luft, die einen still werden und staunen lässt. Marthalers „Tiefer Schweb“ macht einem das Herz auf und den Kopf frei. Ein phantastischer Abend, den man überhaupt nicht zu Ende gehen lassen will.

           

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