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Marthaler-Inszenierung : Keiner kann so schön die Zeit dehnen wie er

  • -Aktualisiert am
Bis zum Umfallen: Bei Christoph Marthaler herrscht auf der Bühne Bewegung.

An diesem Abend, der sich nicht einlässt auf direkte politische Assoziationen („Ich bin ja eigentlich kein politischer Mensch“, wiederholt ein Ausschussmitglied als ceterum censeo und gibt sich damit als Alter Ego von Marthaler zu erkennen), sondern aktuelles Geschehen vielfach spiegelt und verfremdet. Ein Stacheldrahtzaun taucht genauso auf wie ein geflohener Bakteriologe aus „Illyrien“, aber nichts wird über die Andeutung hinaus konkretisiert. Es ist ein Theater, das die Gegenwart gewissermaßen mit jenem Schuss Phantasie auffüllt, der ihr in Wirklichkeit fehlt. Den sie aber nötig hat, um sinnlich begriffen zu werden. Dabei ist das Großartige bei Marthaler ja immer auch, dass man nie genau weiß, also im intellektuellen Sinne begreift, was das Einzelne wirklich bedeutet. Wenn das Ensemble plötzlich mit wohltemperierten Stimmen „Eine feste Burg ist unser Gott“ singt oder vierzehn Strophen von Paul Gerhardts wunderschönem Sommerlied „Geh aus mein Herz“ vorträgt – ist das ernstgemeint oder ironisch? Oder beides?

Marthaler lässt uns darüber im Unklaren. Verstört und verzaubert gerade durch eine Poetik der Verschlüsselung, nicht der Transparenz. Man muss eine gewisse Distanz aushalten können, einmal nicht nach direkter Identifikation gieren, sonst hat man von diesem Abend nichts. Dann aber bietet er großartige, herzenskluge Unterhaltung, immer wieder unterbrochen durch glitzernde Lebenswahrheiten (die Texte sind geschrieben von Marthaler und dem Ensemble): „Es gibt zwei menschliche Hauptsünden, aus welchen sich alle anderen ableiten: Ungeduld und Lässigkeit. Wegen der Ungeduld sind wir aus dem Paradies vertrieben worden, wegen der Lässigkeit kehren wir nicht zurück.“ Oder: „Überleben ist ein Ignorieren von Widersprüchen.“ Mitten in einem solchen Satz fährt auf einmal wie von Geisterhand ein Akkordeon auf die Bühne und zwingt ein Ausschussmitglied zum Spielen. Überhaupt scheint im Laufe des Stücks alles Sprechen bald allein der Vorbereitung fürs Musizieren und Singen zu dienen. Eingehen in das Marthalersche Bildgedächtnis wird von diesem Abend vor allem der Anblick von vier Männern mit Pissoirbecken auf dem Kopf, durch dessen Abwasserlöcher ihr Jodelgesang wie aus weiter Ferne erklingt. Genauso wie das disharmonische Zusammenspiel dreier unterschiedlich großer Tretorgeln, die nacheinander auf die Bühne gerollt werden, um den jeweiligen Vorspieler zu übertönen.

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Marthaler – der große Stimmungsarrangeur. Keiner kann so schön die Zeit dehnen wie er. Keiner erzählt mit so einfachen Mitteln von den Vergeblichkeiten des Daseins. Stellt unsere Kompromisse so zärtlich aus. Keinem verzeiht man auch das Überspannen des Bogens lieber als ihm. Diesem sanften, mutigen (nicht sanftmütigen) Erfinder einer eigenen Theatersprache. Am Ende, wenn seine Spieler noch einmal ein Tiroler Volkslied summen – „Fein sein/ Beinander bleiben“ –, liegt wieder jene typisch kluge Kindlichkeit in der Luft, die einen still werden und staunen lässt. Marthalers „Tiefer Schweb“ macht einem das Herz auf und den Kopf frei. Ein phantastischer Abend, den man überhaupt nicht zu Ende gehen lassen will.

 

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