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Marthalers „Das Weinen“ : Von Schwänen und Apothekerinnen

  • -Aktualisiert am

Herumgewurschtel im postmaskulinen Zeitalter: Susanne-Marie Wrage, Olivia Grigolli, Elisa Plüss und Nikola Weisse im Züricher Schauspielhaus Bild: Gina Folly

Metamorphose mit Nebenwirkungen: Mit seinem Theaterabend „Das Weinen (Das Wähnen)“ verbeugt sich Christoph Marthaler vor den Texten Dieter Roths. Die Inszenierung feiert das Glück, das aus der Abwesenheit von Leid entsteht.

          3 Min.

          Die Schweiz bedeutete für den vielfältig talentierten und sehr erfolgreichen Künstler Dieter Roth Rettung in der Kindheit, Flucht aus dem Nationalsozialismus, Exil im Krieg. Ähnlich wie es Judith Kerr in „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ schildert, muss das gewesen sein, nur wurde die Schweiz für das 1930 geborene Kind Karl-Dietrich keine Durchgangsstation wie für die Kerrs, sondern neues Zuhause. Schwerer wiegt an seinem Schicksal auch, dass die Familie nicht zusammen flüchtete, dass er vielmehr 1943 aus Hannover, seiner Geburtsstadt, von den Eltern, einer Deutschen und einem Schweizer, ganz allein vorausgeschickt wurde.

          Vielleicht gab ihm das ein Gefühl von Heimatlosigkeit und pflanzte ihm jene Unrast ein, mit der er zwischen Island, wohin er heiratete, New York, Philadelphia, Deutschland und der Schweiz und zwischen den denkbar weitest auseinanderliegenden künstlerischen Genres hin- und herwechselte, eigentlich bis zu seinem Tod 1998: Druck, Grafik, Bücher, Gemälde, Zeichnungen, Kunst aus organischen Materialien, auch sogenannte Eat Art – aus Schokolade, wie sie die Schweizer so köstlich herzustellen verstehen. Es gibt also mannigfaltige Gründe, den wilden, dadaistisch wortverspielten Dichter dieser schweizerischen Heimat in Erinnerung zu bringen. „Das Weinen (Das Wähnen)“ hat Regisseur Christoph Marthaler, der Roth gelegentlich begegnet war und ein von ihm geschenktes Buch immer bei sich behielt, seinen Theaterabend genannt, der Texte Roths verwendet, unter anderem aus „Tränenmeer 4“.

          Da schüttelt sich das Publikum

          Es wird von Tränen aber nur gesungen, Mozarts „Lacrimosa“ stimmen Marthalers fünf Schauspielgöttinnen in ihren Apothekerinnenkitteln immer wieder an. Die absolut unerschütterliche, silberhaarige Nikola Weisse singt später noch einen Popsong, in dem es um „Crying in the rain“ geht, und sie ist es auch, die Tschaikowskys „Schwanensee“ auflegt, dessen titelgebendes Gewässer aus den Tränen der in Schwäne verwandelten Mädchen besteht. Alles so voller lustiger Anspielungen hier!

          Für einen Marthaler-Abend ist das am Ende wenig Musik. Um so zarter und inniger wird sie chorisch intoniert – Mozart, wie von den Dächern heruntergezwitschert: „Se vuol ballare, Signor Contino“. Der begleitende Pianist ist eine „Zoom“-Erscheinung auf dem oben hängenden Monitor. Duri Bischoffs Bühnenbild zeigt eine realistische, nicht mehr ganz neue Apotheke. Am Anfang schüttelt sich das Publikum: Ein Film zeigt Pediküre an pilzbefallenen Füßen. Über die einhundert Minuten hinweg jedoch begreift man immer besser, was für ein großartiges Bild die Apotheke bei Marthaler darstellt: die Gesellschaft als in einen klinisch sauberen Raum eingeschlossene, in dem energische, bis in ihre Persönlichkeit blitzsaubere Frauen summend ein Inventar verwalten, das mehrheitlich der Behandlung vielleicht unangenehmer, aber keineswegs lebensbedrohlicher Erkrankungen dient.

          Warten wie bei Beckett

          Wem soll hier schon was passieren? Noch die älteste Schauspielerin auf der Bühne ist nach dem Krieg geboren. In einem Wohlstand, der in fünfundsiebzig Friedensjahren erworben wurde, sind Nebenwirkungen für die meisten nichts als Wörter, eine lange Liste, die Nikola Weisse irgendwann vorlesen wird, so nüchtern, dass man lacht. Eben waren wir doch noch genau diese Gesellschaft. Bloß sind wir es seit sieben Monaten nicht mehr. Und unter lauter Medikamentenschachteln ist keine, die Covid-19 heilt. Vorläufig ist es noch so, dass die Pharmafabriken weiter Pillenpackungen ausspucken, aber nicht die Impfdosen, auf die die Welt wartet.

          Marthaler hatte „Das Weinen“ schon premierenreif geprobt, als die Corona-Krise ausbrach. Am Tag der Generalprobe ging das Land in den Lockdown. Die um Monate hinausgeschobene Premiere, nun vor einem mit Mundschutz verhüllten Publikum, ruft ganz neue Eindrücke hervor. Aus einer Bestandsaufnahme unseres Vor-sich-hin-Wurschtelns, als gäbe es keine Klimakatastrophen und Migrationsbewegungen, werden anderthalb unheimliche Stunden Beckettschen Wartens.

          Die Frauen haben das aber längst miteinander ausgemacht, dass sie sicher nicht auf irgend so einen eventuell daherlaufenden Godot warten. Der von Kopf bis Fuß in Pepita, also modisches Dada gekleidete Magne-Havard Brekke scheitert darum bei jedem seiner Apothekenbesuche. Seine Anwesenheit fällt einfach nicht ins Gewicht, da kann er sich noch so oft auf die Waage schleichen, diese Null, diese Luftnummer trägt Liliana Benini einfach immer wieder raus. Selbst der rollende Wasserspender-Roboter genießt mehr Freiheit. Fast nimmt man es Marthaler übel, dass er keinen Text hat, schließlich spricht R2-D2 ja auch.

          Kalauer liefern auch die Texte. Über antiintellektuelle Tendenzen scherzt die Rede vom „Lesewillenunterdrückungskurs“, den die Apothekerinnen empathisch anbieten. Abwechselnd hat man ein „Vakuum in der Sprechblase“ oder braucht einen Zuhörer, wegen dem „Druck auf der Sprechblase“. Der Nonsens ist zwar oft witzig, aber eigentlich geht es nur um das Glück, das in Kunst gegossene Glück, das gesungene, getanzte, gespielte, dahingewitztelte Glück der Abwesenheit von Leid. O Gott, haben wir das vermisst. Wenig Musik gibt es, weil hier Roths Sprache Musik ist, Wiederholung, Rhythmus und Gebet, Musik, Musik, Musik. Man schaut in die Gesichter von Olivia Grigolli und Susanne-Marie Wrage und hört ihr energisches, erregtes, bestimmtes Sprechen im Duett, wie zu Schwerhörigen oder solchen mit langen Leitungen, und man kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus. Was für ein Privileg – um nicht schon wieder Glück zu sagen –, der Nicole-Kidman-gleichen Schönheit Elisa Plüss zuzuschauen, wie sie durch Hunderte von mimischen Ausdrücken gleitet, eine Virtuosin des Komischen im einen, des Unheimlichen, des Verrückten im nächsten Moment. Es lebe das Marthaler-Theater.

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