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Christoph Marthaler in Zürich : Es gibt nichts zu sagen, daher sag ichs ja

  • -Aktualisiert am

Nach neusten Umfragen fühlen wir nur 25 Prozent dessen, was wir fühlen sollten: Marc Bodnar als hilfloser Käfer vorne, Raphael Clamer am Klavier Bild: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie

Heimgekehrt: Nach mehr als zehn Jahren ist mit „44 Harmonies from Apartment House 1776“ im Züricher Schiffbau wieder eine Inszenierung von Christoph Marthaler zu sehen.

          Von Schelling, dem schwäbisch-bayrischen Philosophen, stammt diese Variante der Weltgrundfrage: „Warum ist nicht nichts, warum ist überhaupt etwas?“ Sosehr sich die Aufklärung auch darum bemühte, den Menschen als Quelle des Guten und der Verbesserung der Welt anzusprechen und an die Stelle Gottes das innerweltliche Kollektiv einrücken zu lassen, so hilflos blieb sie gegenüber das Ganze betreffenden Ausgangsfragen. Keine Maschinenmetapher der Welt konnte erklären, warum überhaupt etwas ist. Auch der bärenstarken Rationalität war bei ihrem Bad in Drachenblut ein Lindenblatt auf den Rücken gefallen und hatte sie auf ewig verwundbar gemacht. Trotz Logik, Bürokratie und Wissenschaft gibt es somit bis heute so etwas wie einen bindenden Wert des Symbols, ein Echo von Mythos, um das menschliche Leben bedeutend zu machen.

          Im Grunde kann man die Theaterarbeit von Christoph Marthaler als eine stillvergnügte Meditation über Schellings große Frage lesen. Gemeinsam mit seiner Bühnenbildnerin Anna Viebrock erfindet er Warteräume zwischen Phantasie und Wirklichkeit, in denen sich letzte Menschen zum ersten Mal wiederbegegnen. Vor einer stilisierten Fünfziger-Jahre-Inneneinrichtung mit Drehstühlen, Telefonkabinen, Klavieren und einer kopflosen Venus von Milo ist dieses Mal ein großer Sandkasten in den Boden eingelassen. Aus ihm ragen zwei flache Baumstümpfe hervor – oder sind es die Höcker eines vergrabenen Kamels? In jedem Fall dient dieses Arrangement der metaphorischen Verdeutlichung des Themenabends: Alles ist endlich, nur ein Sandkorn im Wind.

          Tangotanz mit Stuhlbein: Marc Bodnar in der Zürcher John-Cage-Phantasie von Christoph Marthaler

          Dabei geht es gar nicht um Sandkörner, sondern um Pilze. Um „Pilze, Personen und Harmonien“ wie der phantastische Ueli Jäggi am Anfang in einer Art einführenden Rede konkretisiert. Mit Schlips und Anzug steht er vorm Publikum und macht den programmatischen Auftakt. Zur Sicherheit schickt er schon einmal eine zusammenfassende Inhaltsangabe des Abends voraus und liest autoritative Zitate von Karel Gott und Theodor W. Adorno von einem zerknitterten Zettel ab. Dabei schaut er hin und wieder hilfesuchend beiseite, so als ob er noch nach einem Ausweg suchen würde, um dem drohenden Nichts zu entkommen.

          Ein klassischer Marthaler-Abend

          „Pilzgespräche“ seien das, was einen in den kommenden „acht Viertelstunden“ erwarte, so der Conferencier wider Willen, Pilzgespräche und Personen, die als Harmonien in Erscheinung treten würden. Die Verbindung zwischen den beiden Assoziationen wird nur dem Kenner helle: Der Stücktitel „44 Harmonies from Apartment House 1776“ ist ein Musikstück des amerikanischen Komponisten John Cage, der nicht nur gefeierter Audio-Avantgardist, sondern auch leidenschaftlicher Pilzsammler war. Anlässlich der Zweihundertjahrfeier der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung stellte Cage ein Tonstück aus 44 Hymnusmelodien zusammen, die von Komponisten stammten, die 1776 nicht älter als zwanzig Jahre waren. Durch ein synthetisierendes Verfahren, mit dem er einzelne Tonhöhen der Originale zufällig entfernte und stattdessen Pausen einfügte, stellte er sich gegen die traditionellen Hierarchien tonaler Komposition und ließ Klänge ohne feste Beziehung aufeinanderfolgen. „Anarchische Harmonie“ nannte er das Ergebnis – was natürlich genau der richtige Ausgangspunkt für einen klassischen Marthaler-Abend ist.

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