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Christoph Marthaler in Zürich : Es gibt nichts zu sagen, daher sag ichs ja

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Offene Rachen, schwieriges Spiel

Die Figuren, die bei ihm auftreten, sind längst mit allen Wassern gewaschen und durch alle unter- und oberirdische Feuer gegangen: Vom schrillen Alpinisten über die extravagante Tollenträgerin bis zum bünzligen Pensionär reicht die Bandbreite des Personals, das voller Überzeugung dauernd vorbeugend ins Leere läuft, endlose Telefonate führt, bei dem jedem „Auf Wiedersehen“ noch ein „Ja, aber“ hinzugefügt wird, oder auf einmal im Chor ein Volkslied schmettert und sich dabei gegenseitig in die offenen Rachen glotzt. Vier junge Cellistinnen unterlegen das Geschehen mit ihrem mal zupfenden, mal streichenden Spiel und mischen sich auch in den Spielablauf ein. Wenn sich etwa ihre vier männlichen Notenständer mit den groß gedruckten Partituren um den Hals zum dritten Mal während ihres schwierigen Spiels langsam zum Boden beugen, um ein Schweißtuch aufzuheben, springen sie wütend auf und verlassen vorwurfsvoll den Raum.

Ansonsten ist alles wie immer bei Marthaler, nur noch eine Spur langsamer. Der Abend zieht sich hin, als wäre er eine nächtliche Fahrt im Schienenersatzverkehr. Vorgetäuschte Endlosschleifen, unvollendete Text- und Tonmelodien und melancholischer Slapstick gehen Hand in Hand über die Bühne und nicken sich behutsam zu. Eine Lesung aus dem Pilzkunde-Handbuch wird mit Fachtermini aus der Musiklehre kombiniert, der „Satansrohling“ und „schöngelbe Klumpfuß“ so in Beziehung gesetzt zum „übermäßigen Quintsextakkord und der „enharmonischen Umdeutung“. Dann gibt es einen innigen Tangotanz, bei dem die Paare nicht nur einander, sondern auch mehrere Stuhlbeine umklammern, und schließlich werden wieder die gewohnten Dada-Unterhaltungen aufgenommen – diesmal durchsetzt mit O-Tönen von Cage („Is the word music music?“, „I have nothing to say and I am saying it“).

Es fehlt die letzte Verlorenheit

Christoph Marthaler gelingt es wie keinem Zweiten Bilder so zu zeigen und Figuren so zu arrangieren, dass sie tiefgründig erscheinen, ohne bedeutsam zu sein. Seine eigene Überzeugung versteckt er hinter einer „neuesten Umfrage“, nach der wir Erdbewohner nur 25 Prozent von dem fühlen, was wir fühlen sollten. Wie fast alle seiner Arbeiten will auch diese uns zurückgebliebenen Emotionsschülern Nachhilfe anbieten. Allerdings gestaltet sie sich ein wenig redundant und eintönig: Die Idee der Entleerung von jeglichem Inhalt wirkt leicht abgenutzt, und die schöne, vor allem durch die Celli getragene Stimmung kann das nur bedingt kompensieren, wohl auch, weil es ihr an der letzten Verlorenheit fehlt.

Türen öffnen und schließen sich, ein Mann liegt auf dem Rücken wie ein hilfloser Käfer, und am Ende wird fast eine halbe Stunde lang, von kurzen, scharfen Pausen durchlöchert, Cello gespielt. Nur das Licht wechselt während dieser sinnlichen Provokationsprozedur seinen Platz, alles andere bleibt starr gefesselt an den langen Augenblick. Selbstironisch kommentiert Marthaler das Verhalten des Publikums noch mit einer Gedichtzeile von Heine – „Anfangs wollt ich fast verzagen, und ich glaubt, ich trüg es nie; Und ich hab es doch getragen – Aber fragt mich nur nicht, wie“ –, dann ist alles plötzlich aus und doch nicht nichts gewesen.

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