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Berliner Philharmoniker : Als liefe die Musik barfuß übers Moos

Trauer, die nicht schreit: Mit der Sopranistin Christiane Karg, dem Bariton Adrian Eröd und dem Rundfunkchor Berlin brachte Christian Thielemann mit den Berliner Philharmonikern Gabriel Faurés Requiem zu Gehör. Bild: Peter Adamik, Berlin

Als Spezialist für französische Musik galt Christian Thielemann bislang nicht. Doch sein Programm mit Werken von Chausson, Debussy und Fauré bei den Berliner Philharmonikern gelingt als großer Abend.

          3 Min.

          Anders als manche seiner unsportlichen Anhänger zeigt sich Christian Thielemann in der Öffentlichkeit nicht vergrätzt darüber, dass die Berliner Philharmoniker nicht ihn, sondern Kirill Petrenko zum künftigen Chefdirigenten gewählt haben. Das Gegenteil wäre auch künstlerisch eine Selbstblockade. Lorin Maazel, zum Beispiel, war in diese Falle getappt, als er sich 2001 fast sicher war, die Nachfolge Claudio Abbados antreten zu dürfen, und dann zusehen musste, dass Simon Rattle die Wahl gewann. Danach wollte er das Orchester lange Zeit gar nicht mehr dirigieren. Sein Mitkonkurrent Daniel Barenboim dagegen, Chefdirigent der Staatskapelle Berlin, band sich, streng auf die Kunst konzentriert, als Gast so eng an die Philharmoniker wie keiner seiner Kollegen sonst. Wenn Thielemann, derzeit Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, die gleiche Weisheit aufbringt, könnte ihm das künftig auch gelingen.

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Schon jetzt gilt in Berlin: Januar ist Thielemann-Zeit. Mit zwei unterschiedlichen Programmen steht er im Spielplan der aktuellen Saison. Als Überraschung inszeniert ist besonders das erste: Christian Thielemann dirigiert - ausschließlich - französische Musik. Für die galt er, obgleich er sie durchaus gelegentlich schon dirigiert hat, bislang nicht als Spezialist. Eher für die Werke von Ludwig van Beethoven bis Richard Strauss, das „deutsche Kernrepertoire“, wie es von all jenen genannt wird, die sich noch immer eine Definitionsmacht über „Zentrum“ und „Peripherie“ zutrauen.

          Ihm ist das Leitmotiv der Vergänglichkeit anvertraut

          Heutzutage, wo das mainstreaming Geschlechter wie Nationen erfasst, kann solch ein Beharren auf Eigenheiten des Klingens und Denkens auch etwas Rührendes, Sympathisches haben: Vielfalt wird eben nicht dadurch hergestellt, dass man einfach alles zulässt, sondern das Spezifische in seinem Wert erkennt, würdigt und wahrt. Ein Musiker vom Rang Thielemanns verschanzt sich allerdings nicht hinter solcherart Beschränkung. Vielmehr erschließt er sich - seit längerem schon - planvoll eine größere Welt.

          Das „Poème de l’amour et de la mer“ für Mezzosopran und Orchester von Ernest Chausson ist als Einstiegsstück hervorragend gewählt, weil es sich in seiner Harmonik und Leitmotivtechnik eng berührt mit Richard Wagner - ein Feld, auf dem Thielemann bekanntlich Großes leistet. Noch wirkt freilich der vibratoreiche Streicherklang der Philharmoniker unter seiner Leitung verspannt, fließt nicht frei und gelöst wie die exzellenten Holzbläser, die das Meer rauschen und die Vögel in herrlicher Ungezwungenheit fortflattern lassen. Wie es, auch im Tutti, klingen könnte, macht der wunderbare junge Solocellist Bruno Delepelaire vor, dem immer wieder das Leitmotiv der Vergänglichkeit anvertraut ist: entschieden, aber diskret.

          Überraschung, Bezauberung, Verblüffung

          Chausson kontrastiert, anders als Wagner in „Tristan und Isolde“, menschliches Empfinden und Naturraum. Das Meer ist nicht Außenverstärker der Seele. Die Schönheit von Luft, Licht und Wellen zu empfinden, geht hier mit dem Wissen um die Vergeblichkeit eigener Liebe einher. Akzeptanz (statt Rausch) ist Chaussons Anliegen. Um diese Differenz ringt Thielemann, und was ihm dabei möglicherweise an Erfahrung fehlt, versucht er durch Kontrolle zu ersetzen. Sophie Koch, die Solistin, profitiert davon in jedem Fall. Sie kann sich, mit dramatischer, dabei leichter Stimme, hervorragend durchsetzen. Thielemann, absolut sicher in der Sängerbegleitung, trägt und stützt sie, statt sie zu erdrücken.

          Beim „Poème de l’amour et de la mer“ von Ernest Chausson trägt und stützt Thielemann den dramatischen, dabei leichten Mezzosopran von Sophie Koch.

          Mit einem vor Spannung knisternden Pianissimo umgeben die Streicher dann auch die Soloharfenistin Marie-Pierre Langlamet in den „Zwei Tänzen“ von Claude Debussy. In größtmöglicher Zartheit kann die Harfe beginnen; und sie zieht mit ihrer Magie den riesigen Saal auf einen kleinen Kreis zusammen. Dort perlen unter Langlamets Händen die Kaskaden kunstvoller Mehrstimmigkeit in kostbar feinen Nuancen. Immer wieder setzt die Solistin Akzente, sorgt für Überraschung, Bezauberung, Verblüffung, was dieser Musik nähersteht als Logik und Konsequenz. Und Thielemann schafft es tatsächlich, den langsamen Walzer des zweiten Tanzes so tastend sanft zu beginnen, als würde die Musik barfuß übers Moos laufen.

          Kaskaden kunstvoller Mehrstimmigkeit: Marie-Pierre Langlamet an der Harfe beim Vortrag der „Zwei Tänze“ von Claude Debussy

          Mit dieser Behutsamkeit nähert er sich auch dem Requiem von Gabriel Fauré. Alles, was er an „religiöser Illusion“ besessen hätte, habe er dort hineingelegt und es eher „zum Vergnügen“ geschrieben, bekannte der Komponist einmal. Dass solch eine Haltung keineswegs frivol ist, sondern von Redlichkeit und großem Ernst zeugt, das hört man der Aufführung unter Thielemann an: Trauer, die nicht schreit; Schmerz, der nur kurz in den Anfangsakzenten der Kontrabässe aufzuckt; Milde, die aus Klugheit kommt, nicht aus Feigheit.

          Der Rundfunkchor Berlin, von seinem neuen Chef Gijs Leenaars exzellent einstudiert, bannt das Publikum mit einem ungeheuren Pianissimo, in dem alle wichtigen Stimmbewegungen plastisch herausgearbeitet sind. Christiane Karg singt das „Pie Jesu“ mit großem Atem für lange Linien in vollkommenem Legato. Und wenn sie um ewige Ruhe bittet, schwebt ihr leuchtender Sopran leise fort ins Unendliche. Adrian Eröd ist mit seiner hohen, hellen Baritonstimme eine ideale Besetzung. Er singt das „Libera me“ nicht als martialischen Marsch, sondern als Gebet: ernst, geradlinig, aber demütig. Hatte Thielemann vor dem Konzert noch um eine Schweigeminute für den verstorbenen Pierre Boulez gebeten, so stellt sich eine zweite Schweigeminute nach dem Konzert von selbst ein: stummer Nachhall eines großen Abends.

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