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Interview Christian Thielemann : Hauptsache, es findet wieder etwas statt

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Christian Thielemann, Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, künstlerischer Leiter der Osterfestspiele Salzburg und Musikdirektor der Bayreuther Festspiele. Bild: dpa

Der Dirigent Christian Thielemann will mit dem Intendanten Nikolaus Bachler einen Neustart bei den Osterfestspielen Salzburg. In Bayreuth möchte er ebenfalls bleiben. Aufbruch erhofft er sich auch für Dresden.

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          Die Osterfestspiele in Salzburg sollen vom 2. bis 5. April stattfinden. Christian Thielemann wird mit seinem Orchester, der Sächsischen Staatskapelle, mehrere Konzerte geben. Wir trafen den Dirigenten in Dresden. F.A.Z.

          Nach monatelangem Schweigen wird die Sächsische Staatskapelle endlich wieder spielen, allerdings nicht in Dresden, sondern erst Anfang April zu den Osterfestspielen Salzburg. Der kleinste gemeinsame Nenner des Machbaren?

          Nein, das ist ein sehr schöner Nenner. Also ich bin ganz erfreut darüber. Alle waren in Salzburg sehr professionell, wollten nach den abgesagten Osterfestspielen 2020 unbedingt, dass jetzt was stattfindet, vom Landeshauptmann bis zur Aufsichtsratsvorsitzenden und dem geschäftsführenden Intendanten, Herrn Bachler, zogen wir alle an einem Strang. Das war eigentlich eher leichter, als man dachte.

          Heißt das, auch die durch die Medien gegangenen Streitigkeiten mit Nikolaus Bachler sind beigelegt?

          Da waren ja nie Streitigkeiten, das ist missinterpretiert worden. Gestritten haben wir nie. Ich streite sowieso nicht gern mit Menschen und will das gar nicht. Nein, nein, wir sind auf einem professionell wundervollen Niveau, zum Besten der Kapelle und zum Besten vor allen Dingen auch der Osterfestspiele Salzburg, für die wir gemeinsam Verantwortung tragen. Und da war ich jetzt sehr glücklich, dass er genauso wie ich an einer Lösung interessiert war, dass wir spielen.

          Also eine pragmatische Lösung?

          Nein, eine Herzenslösung! Es ist wirklich alles sehr erfreulich. Wir hoffen jetzt, dass uns nicht noch irgendein Strich durch die Rechnung gemacht wird durch zusätzliche Bestimmungen oder Mutationen und sonstige Dinge. Aber wie es aussieht, werden wir da hinfahren und schön probieren. Das Programm haben wir abgeändert, das ging natürlich nicht anders. Auf „Turandot“ muss leider verzichtet werden, was schade ist. Aber das wäre auf der Bühne nicht gegangen. Stattdessen geben wir ein großes Opernkonzert mit Anna Netrebko, Golda Schultz und Yusif Eyvazov, mit einer Fülle schöner Arien, Duette, Ensembles und Ouvertüren. Die größten Hits der italienischen Oper. Wichtig ist doch, dass überhaupt wieder was stattfindet, wir haben ein sehr schönes Programm mit Beethovens „Eroica“, Schumanns zweiter Symphonie, Mozarts Requiem, seinem A-Dur-Violinkonzert mit Hilary Hahn, Griegs Klavierkonzert mit Denis Matsuev – ich finde, das ist weit mehr als pragmatisch.

          Das Orchester hat seit Herbst nicht mehr gespielt und auch kaum Probenmöglichkeiten gehabt. Wie wird denn jetzt der Neustart für Salzburg vorbereitet?

          Gute Frage, denn natürlich hatten wir vor, in Dresden zu probieren. Aber diese Proben wurden uns abgesagt. Nun werden wir sehr intensiv in Salzburg probieren, das ist wie in den ersten Orchesterproben nach der Sommerpause, da dauert es auch etwas länger, bis alle wieder aufeinander eingespielt sind. Deswegen kann ich es wirklich nur als Katastrophe bezeichnen, dass wir so lange pausieren mussten. Die Corona-Bestimmungen haben an unserem Haus, der Semperoper, offenbar zu anderen Ergebnissen geführt als an anderen Häusern. Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass man dort fahrlässig oder gar gegen das Gesetz gehandelt hätte.

          Sie selbst werden die ganze Zeit über doch nicht etwa untätig gewesen sein?

          Ich habe Partituren studiert und festgestellt, dass ich noch nie den „Don Quixote“ von Richard Strauss dirigiert habe. Da bin ich selber fassungslos. Aber es reicht nicht aus, Partituren nur zu studieren, denn die wollen zum Leben erweckt werden, dazu brauchen sie uns Musiker und vor allem auch Publikum. Wenn ich höre, wie bei vielen anderen Orchestern produziert und gestreamt wird, und zusehen muss, dass die Sächsische Staatskapelle nicht spielen und ihr Publikum nicht mal per Stream erreichen darf, ist das schlimm und drückt auf die Stimmung. Da guckt man schon sehr neidisch nach Wien und nach Salzburg. Wir alle haben den Beruf doch gewählt, weil wir spielen wollen. Beim Dirigieren ist das genauso, ich fühle mich wie in einem aufgezwungenen Phlegma. Ich brauche mein Orchester. Musikalisch sind wir alle ausgehungert. In Wien ist das anders, da habe ich im November mit den Philharmonikern Bruckners Dritte aufgenommen – mit ausreichend Tests und im leeren Musikvereinssaal. Ich freue mich wie ein Kind, dort proben zu können, aber es gibt mir jedes Mal einen Stich, dass ich mein eigenes Orchester nicht haben darf. Warum das in der Dresdner Oper nicht möglich ist, verwundert ja alle. Wenn aber die Geschäftsführung der Auffassung ist, solche Tests sind nicht notwendig, dann muss ich das hinnehmen. Doch das führt beim Orchester und auch bei mir zu großer Traurigkeit.

          Haben Sie nicht versucht, den Intendanten Peter Theiler zu überzeugen?

          Na, was denken Sie denn? Selbstverständlich habe ich das, aber ohne Erfolg. Offenbar ist das Virus in Berlin und Wien weniger ansteckend als in Dresden. Wobei man der Gerechtigkeit halber auch sagen muss, dass die Zahlen in Sachsen eine Zeitlang am höchsten gewesen sind, das hat uns allen einen gehörigen Schreck eingejagt. Vielleicht kommt daher die Haltung, wir könnten was machen, aber machen es lieber nicht, weil doch etwas passieren könnte, und auch wegen der Kurzarbeit auf der Bühne.

          Was meinen Sie, wann geht es in Dresden wieder los?

          Ich hoffe, dass man irgendwann wieder Publikum ins Haus lassen kann. Die Pläne sind da, man muss uns bloß machen lassen. Die Staatskapelle steht in den Startlöchern.

          Wie ist inzwischen die Weichenstellung in Bayreuth?

          Die ist sehr gut, wir sind jetzt dabei, all das zu besprechen, was während der Krankheit von Katharina Wagner und dann wegen Corona nicht möglich war. Pläne sind für die nächsten Jahre vorhanden, „Parsifal“, „Lohengrin“, das muss man jetzt in eine Form gießen. Wir wissen ja, dass es Umstrukturierungen geben soll. Da kommt es nicht auf Titel an, sondern auf die Aufgabe, die man hat. Wichtig ist das, was Sie machen. Ich habe da weitestreichende Pläne, an meiner Beschäftigung in Bayreuth ändert sich nichts.

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