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Musik von Christfried Schmidt : Mut zu hoffnungsloser Vereinzelung

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Christfried Schmidt (rechts) in der Gethsemanekirche in Berlin am 19. April 2019. Bild: Johannes Jost

Später Triumph: Nach fast fünfzig Jahren des Wartens erlebt der greise Komponist Christfried Schmidt in Berlin die Uraufführung seiner Markuspassion. Das Publikum ist erschüttert und begeistert von einem Stück unbeugsamer Musik.

          Wenn alljährlich zur Osterzeit gehäuft Werke wie die beiden großen Passionen von Johann Sebastian Bach oder Antonín Dvořáks „Stabat Mater“ erklingen, kann man bei solchen Begegnungen immer neu empfinden, wie hinter dem Sterben schon die Auferstehung und durch allen Schmerz die Versöhnung aufleuchtet. Christfried Schmidts Markuspassion, die nun in der Berliner Gethsemanekirche, über fünfundvierzig Jahre nach ihrer Komposition, zum ersten Mal erklingen konnte, hält solche Lichtblicke kaum bereit. Sie endet in einem demütigen Kyrie, der Anrufung des Herrn um Erbarmen, und mit einer fast schüchternen, jedenfalls zögernden Trostverheißung – ein ganz schmaler Hoffnungsstreifen über einem leer geräumten Horizont, fern von allen Triumphgesten oder auch nur halbwegs fassbaren Sicherheiten.

          Was das trotz dieser späten Uraufführung bestürzend zeitgemäß wirkende Werk des mittlerweile sechsundachtzigjährigen Niederschlesiers strukturell von Bachs Passionsmusiken und ihren Satelliten unterscheidet, ist das weitgehende Fehlen jener oft pietistisch gefärbten und meist durch Arien vermittelten Reflexionen, in denen die Leiden Jesu mitfühlend betrachtet und individuell verinnerlicht werden. Zwar hat auch Schmidt bei seiner Adaption des Markusevangeliums einige wenige Psalmzeilen und alttestamentarische Verkündigungen interpoliert, die er in kurzen, von ihm als „Arien“ bezeichneten Soloabschnitten verarbeitet. Doch selbst diese sprechen vorwiegend von Bedrückung und Ausgeliefertsein, fügen sich damit dem Gesamtgestus einer dramatischen Erzählung, deren Pole der Zynismus der Mächtigen und die Manipulierbarkeit demagogisch gesteuerter Volksmassen sowie, ihnen gegenübergestellt, die Isolation und eisige Einsamkeit des für seine Berufung einstehenden Einzelnen sind.

          Es war der Bariton Nikolay Borchev, der mit gelassen erfüllter und wärmend einhüllender Ruhe jenen Erlöser verkörperte, den seine Welt nicht wollte. Vorher hatte er innerhalb des beziehungsreichen Programms der Sing-Akademie zu Berlin schon das balsamisch fließende Solo in Felix Mendelssohn Bartholdys Kantate „O Haupt voll Blut und Wunden“ gesungen, deren lateinisch-gregorianische A-cappella-Vorlage den Abend eröffnete, und das Programm schloss dann, gleichsam als meditierendes Interludium, noch Anton Weberns Bearbeitung des sechsstimmigen Ricercars aus Bachs „Musikalischem Opfer“ ein.

          Wo die Menschenmeute ihre Zähne fletscht

          Nun aber, als Jesus, war Borchev der ruhende Gravitationspunkt inmitten einer Geschichte über dumpfe Brutalität, geifernden Hass und ängstlichen Opportunismus, der sich Schmidts Klänge mit gnadenloser, nur selten durch kurze Lichtpunkte erhellter Düsternis und in dumpf-sumpfig brodelnden, giftig schillernden Farben zuwenden: wenig Majestät, aber viel Menschlichkeit im duldenden Leiden, in verzweiflungsvoll das Heil suchenden Anrufungen und Chorälen, selbst in den gleichsam zähnefletschenden, dissonant aufklaffenden Spott- und Verfolgungschören.

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