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Interview mit Chris Dercon : Unser Theater soll eine Schule des Befremdens sein

Welche Rolle wird denn die Bildende Kunst in der künftigen Volksbühne spielen?

Dercon: Boris Charmatz, Susanne Kennedy, Mette Ingvartsen sind für mich alles „Bildende“ Künstler. Wir haben auch René Pollesch an der Tate Modern diskutiert, weil ich glaube, dass das Publikum der Bildenden Kunst Pollesch versteht. Ich sage nicht, dass das genuine Bildende Kunst ist, aber ich mag den kategorischen Unterschied nicht mehr.

Bevor wir alle Begriffe aufweichen: Welche Formate wird es konkret geben? Sind Ausstellungen geplant?

Piekenbrock: Nein.

Wird Susanne Kennedy zum Beispiel eigene Stücke machen oder klassisch inszenieren?

Piekenbrock: Sie inszeniert. Sie hat sich für ihre Eröffnungspremiere von John Cassavetes „Opening Night“ inspirieren lassen. Im Mittelpunkt steht eine Schauspielerin, die durch ein traumatisches Erlebnis die Kontrolle über ihren Alltag verliert und durch eine Abfolge von Fremd- und Selbstbildern taumelt, in der Realität und Fiktion bald nicht mehr zu unterscheiden sind. Es geht um die Produktion von Rollenbildern in inszenierten Situationen.

Das ist die Eröffnung des Schauspiel-Teils?

Piekenbrock: Nein, das ist eine der Eröffnungen. Wir eröffnen über vier Monate, wir beginnen am 10. September und enden Silvester.

Sie hätten sich sicher viele Angriffe der letzten Monate ersparen können, wenn Sie sich einmal konkret zu Inhalt und Programmatik geäußert hätten. Werden wir doch mal konkret: Wie dürfen wir uns die Eröffnungstage vorstellen?

Piekenbrock: Boris Charmatz wird beginnen. Er wird über zwei Wochen choreografische Versammlungen auf dem Tempelhofer Feld inszenieren, bei Tag und bei Nacht, und die ganze Stadtgesellschaft zu unterschiedlichen Formaten einladen. Das Programm wird sich in drei Akten entfalten. Es geht bis an die Ränder von Tempelhof, Neukölln, Kreuzberg; wir tasten also langsam unser neues Quartier im Süden ab. Im Anschluss daran werden wir das Satellitentheater von Francis Keré mit Positionen aus dem Nahen Osten eröffnen. Wir werden dafür eng mit dem Arab Culture Fund zusammenarbeiten und auf die Migrationsbewegung reagieren, die ja in Tempelhof eine sehr bildhafte Form angenommen hat. Wir werden „Iphigenie in Aulis“ von Mohammad Alatar hier mit vierzig syrischen Frauen präsentieren. Dann beginnen wir langsam den Scheinwerfer umzudrehen und auf unser Stammhaus zu richten.

Wie wollen Sie mit dem historischen Ballast des Hauses umgehen?

Piekenbrock: Es wird sich vor allem die Tonlage verändern. Es wird nicht mehr so sehr um eine konfliktuelle, extrovertierte Dramatik gehen, sondern eher eine Neuorientierung zu einer Dichtung, einer Verdichtung geben. Dafür wird in unserer ersten Saison vor allem das Werk von Samuel Beckett stehen. Sein „Not I“, einen der innovativsten Entwürfe der Theatergeschichte, werden wir als Becketts Originalinszenierung rekonstruieren. Sein langjähriger Assistent und künstlerischer Mitarbeiter, Walter Asmus, lebt hier in Charlottenburg und wird das machen. Auch Becketts „German Diaries“, die im Oktober zum ersten Mal auf Deutsch erscheinen, werden eine Rolle spielen. Zusätzlich werden noch zwei weitere Soli von Beckett auf dem Programm stehen. Bei Beckett finden wir zur Quintessenz des Sprechtheaters zurück: Die Stimme, der Körper, der Raum: diese Elemente wollen wir ein bisschen zerlegen, um sie in den nächsten Monaten wieder zusammenzusetzen. Das ist eine Form von...

Dercon: ...Exorzismus.

Piekenbrock: Jedenfalls ein Bekenntnis zu einem „armen Theater“ und damit ein Gegenton zur beschleunigten, expressiven Rhetorik von Castorf und Pollesch.

Wer wird an der Volksbühne noch inszenieren?

Dercon: Der thailändische Filmregisseur Apichatpong Weerasethakul wird bei uns arbeiten. Auch bildende Künstler werden bei uns Regie führen. Allerdings werden wir nicht sagen: Nur, weil du ein berühmter bildender Künstler bist, kannst du etwas bei uns machen.

Piekenbrock: Wir sind auch im Gespräch mit dem katalanischen Film- und Theaterregisseur Albert Serra, der in seinen Filmen an die Stelle einer Dramatik der Narration eine Dramatik der Präsenz setzt. Das Theater ist eine Zeitschöpfungsmaschine. Uns interessieren Theaterregisseure, Künstler, Choreographen, Filmemacher oder Bildende Künstler aus aller Welt, die nicht die Zeit vertreiben, sondern sie dehnen und wieder verdichten.

Ganz im Sinne Ihres Mottos „Think Global, Fuck Local“?

Dercon: Ach, kommen Sie, das ist der Slogan auf einer populären Postkarte des Schwulen Museums in Berlin. Das ist eher liebevoll gemeint. Wenige haben den Humor in diesem Satz verstanden.

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