https://www.faz.net/-gqz-8oll8

Interview mit Chris Dercon : Unser Theater soll eine Schule des Befremdens sein

Dercon: Noch kurz zum Repertoire-Gedanken: Im Gegensatz zur Kunstgeschichte ist die Theatergeschichte oft sehr unterbelichtet. Es gibt meistens keine Dokumente, keine filmische Dokumentation. Repertoire heißt für uns auch, den Versuch zu unternehmen, Geschichte zu erzählen. Künstlerische Ansätze zurückzubringen, die wir noch nicht vollständig verdaut haben. Nehmen Sie zum Beispiel Beckett. Ich hatte gerade erst das große Glück, das ehemalige Théâtre de Babylon in Paris zu besuchen, in dem 1953 die Premiere von „Warten auf Godot“ stattfand. Ich habe das Gefühl, dass sich in seinen Texten viel vom aktuellen Zeitgeist spiegeln lässt. Die Frage nach Freiheit und Unfreiheit, Körper versus Technologie – das kommt da alles vor. Wir müssen Beckett einfach nur aufs Neue einen Besuch abstatten. Ein anderer Fall ist der dreiundneunzigjährige französische Theaterregisseur Claude Régy, dessen Trakl-Abend „Reve et Folie“ wir ins Programm nehmen werden. Wie dieser Sprachzerleger mit den Gedichten umgeht, ist einfach phänomenal.

Wie stellen Sie sich denn das Publikum vor? Sie haben ein Haus mit achthundert Sitzen, wie wollen Sie das füllen? Rechnen Sie nicht damit, dass das Gefälle zwischen dem, was war, und dem, was kommt, viele Stammbesucher abschrecken könnte?

Dercon: Carl Hegemann hat einmal gesagt, das Publikum der Volksbühne sei ein „Patchwork von Minderheiten“. Das Publikum von Marthaler ist nicht identisch mit dem von Castorf, das von Pollesch nicht mit dem von Fritsch. In der Spielzeit 2013/14 haben 180000 Menschen die Volksbühne besucht, von denen 66000 kamen, um ins Theater zu gehen. Der Rest war auch in der Volksbühne, allerdings bei all den anderen Events, die hier stattfanden, im Foyer, in den Salons, in der Kantine, im Keller. Die Volksbühne ist beim Publikum jetzt schon nicht nur wegen der Theaterarbeit angenommen, sondern auch, weil sie ein Begegnungsort ist.

Welche Lehren ziehen Sie für sich aus dem schwierigen Start der Münchner Kammerspiele unter Matthias Lilienthal? Da hat man ja auch ein zersplittertes Angebot für verschiedene Gruppen...

Piekenbrock: Wir sehen uns nicht als soziales Labor. Wir haben nicht diese ganzen Konzepte von einem „Theater des Widerspruchs“, einem „Theater der Weltentwürfe“. Repräsentationskritik steht nicht ganz oben auf unserer Agenda.

Sind Sie weniger politisch?

Dercon: Nein. Unser Programm ist voller politischer Signale; sie sind nur nicht domestiziert durch irgendein Oberthema, durch das ich sie sofort navigieren kann. Wir interessieren uns aber für ideologische Motive und Phänomene, zum Beispiel die heilige Kommunion zwischen Alt-Linken und neuen Hipstern.

Trotzdem, welche Lehren ziehen Sie aus dem Lilienthal-Problem?

Dercon: Unser Konzept unterscheidet sich sehr von dem, was Matthias macht. Wir werden zum Beispiel viel Tanz im Programm haben, weil wir glauben, dass die Biopolitik von Tanz sehr interessant ist. Da glaubt Lilienthal weniger dran. Generell interessiert mich Handwerk mehr als die Reaktionsgeschwindigkeit dilettantischer Performativität. Ich bin sehr für das Handwerk. Ich empfinde Befremden, wenn Leute etwas auf der Bühne tun, bei dem ich denke: Mensch, das können andere Leute viel besser. Da bin ich wahrscheinlich konservativ. Ich sehe gerne starke Schauspieler. Ich sehe gerne gute Bilder.

Sie haben ja auch neulich Robert Wilson gelobt.

Dercon: Ich habe vor allem Becketts „Endspiel“ gelobt, das Bob am Berliner Ensemble inszeniert hat. Ich finde „Endspiel“ von Beckett, in welcher Version auch immer, unglaublich. Aber ich bin nicht so ein Ästhet wie Bob Wilson.

Weitere Themen

Topmeldungen

Bald offiziell Amerikas Präsident: Joe Biden

Joe Biden : „Wir sind im Krieg mit diesem Virus“

Der künftige amerikanische Präsident Biden tritt sein Amt zu einer Zeit an, in der die Corona-Pandemie in den Vereinigten Staaten wilder tobt denn je. Die Impfung der Bevölkerung kommt nur schleppend voran. Biden präsentiert nun Pläne, wie er das ändern will.
Bundeskanzlerin Angela Merkel und Generalsekretär Paul Ziemiak beim digitalen Parteitag der CDU am Freitagabend.

CDU-Parteitag : Die Kanzlerin spart sich das Lob

Zu Beginn des CDU-Parteitags gibt es viel Schulterklopfen für die scheidende Vorsitzende Kramp-Karrenbauer – nur Angela Merkel spricht lieber über ihre eigenen Leistungen. Und Markus Söder vom spannenden Aufstieg.
Freundinnen: Luisa und Sophie wohnen zusammen in Frankfurt. Beide verdienen Geld mit Pornovideos, die sie selbst aufnehmen.

Studentin in Geldnot : Pornos drehen für den Master

Luisa besucht eine Hochschule im Rhein-Main-Gebiet und verkauft Sexvideos, um ihr Studium zu finanzieren. Sie sagt, das fühle sich dreckig an. Doch der Geldmangel habe sie dazu getrieben, und andere Nebenjobs sind ihr zu zeitaufwendig.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.