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Interview mit Chris Dercon : Unser Theater soll eine Schule des Befremdens sein

Der Kopf hinter dem König: Marietta Piekenbrock, die designierte Programmchefin der Berliner Volksbühne
Der Kopf hinter dem König: Marietta Piekenbrock, die designierte Programmchefin der Berliner Volksbühne : Bild: Andreas Pein

Normalerweise präsentieren neue künstlerische Leitungsteams ihr Programm, indem sie Regisseure nennen oder zumindest eine grobe inhaltliche Ausrichtung des Spielplans vorgeben. Haben Sie so etwas überhaupt, oder geht es Ihnen nur um die Organisation, die Formfragen?

Piekenbrock: Doch, wir haben ein Programm! Allerdings hat es kein Feindbild, es kennt keine Himmelsrichtung, ist nicht ideologisch durchleuchtet, sondern radikal subjektiv. Wir haben die Volksbühne als ein Haus für die Künstler konzipiert; deshalb ist es unmöglich, sie alle unter ein dominantes Spielzeitmotto zu pferchen. Besonders ist natürlich, dass wir vor einem Haus stehen werden, das völlig leer ist. Wir haben ja keinerlei Repertoire, auf dem wir aufbauen könnten, und müssen alles neu erfinden. Wir wollen die Volksbühne auf zwei Säulen stellen und gewissermaßen wie ein Museum einrichten, mit Räumen, die der Gegenwart, und Räumen, die der klassischen Moderne gewidmet sind. Einerseits haben wir mit der Theaterregisseurin Susanne Kennedy, dem Choreographen Boris Charmatz, dem Filmemacher Romuald Karmakar und der Choreographin Mette Ingvartsen vier Künstler, die bei uns Uraufführungen machen und uns zusätzlich auch frühere Arbeiten, die sie in ihrem persönlichen Repertoire haben, mitbringen werden. Sie verkörpern gewissermaßen das Neue, sind die Repräsentanten des 21. Jahrhundert.

Und die zweite Säule?

Piekenbrock: Daneben wollen wir uns auch der unmittelbaren Vergangenheit zuwenden. Hier in Berlin Mitte befinden wir uns im Epizentrum der Gegenwartskunst. Überall begegnen wir der kultischen Verehrung des Neuen, die oft mit einem Verlust des Gestern einhergeht. Dagegen wollen wir uns explizit positionieren, indem wir fragen, welche Positionen der klassischen Avantgarde für unsere Künstler und für unser Publikum eine besondere Rolle spielen könnten. Wir wollen also den Begriff „Repertoire“, dessen wörtliche Bedeutung ja Fundstätte ist, so gebrauchen, dass wir ein Verzeichnis der Moderne anlegen und untersuchen können, was relevant sein könnte für uns heute. Dafür ist natürlich viel Recherchearbeit nötig, bei der uns Alexander Kluge hilft. Jedes Mal gilt es dann zu entscheiden, wie man ein Stück Theatergeschichte aktualisieren und auf die Bühne bringen kann. Als Modellinszenierung, Rekonstruktion, Pasticcio oder durch eine Wiederlektüre. Insgesamt soll unser Programm aber gekennzeichnet sein von dem Verlangen, Positionen des zwanzigsten Jahrhunderts mit denen des 21. Jahrhunderts zu kontrastieren.

„Ach, kommen Sie, das war doch ein Witz“ Chris Dercon und Marietta Piekenbrock erklären, warum sie so oft missverstanden wurden
„Ach, kommen Sie, das war doch ein Witz“ Chris Dercon und Marietta Piekenbrock erklären, warum sie so oft missverstanden wurden : Bild: Andreas Pein

Wodurch wird sich die Volksbühne unter Ihrer Leitung von anderen Berliner Theatern wie dem HAU unterscheiden?

Piekenbrock: Einerseits verstehen wir es als unseren Auftrag, durch unsere Idee von einem radical repertory den Verlust des Gestern zu kompensieren, andererseits soll unser Theater eine Schule des Befremdens sein. In unserer Gesellschaft geht im Moment die Komplexitätstoleranz verloren. Wenn wir in Castorfs Volksbühne gehen, wissen wir eigentlich immer schon, was uns erwartet. Wir können mit einem bestimmten Vorverständnis ins Theater gehen und sicher sein, dass es nicht enttäuscht wird. Ich glaube, wir müssen wieder einüben, lustvoll auf Fremdheit zuzugehen, uns mit ihr zu konfrontieren. Das Theater kann eine Schule der Fremdheit sein, in der wir unsere Wahrnehmungsroutinen, die so verklebt sind, wieder öffnen.

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